Große politische Veränderungen, ein gemeinsames Stimmungsbild
Das vergangene Jahr war von massiven Umbrüchen geprägt. Laut Pew Research gingen mehr als 60 Länder zur Wahl, wobei die amtierenden Parteien weltweit harte Kämpfe um ihre Posten führten. Für viele Beobachtende bedeuteten diese politischen Verschiebungen einen klaren Wandel der öffentlichen Stimmung bei Themen wie Geopolitik, Steuern, Regulierungen und mehr.
Doch bei all der Unsicherheit, die 2024 brachte, herrscht im westlichen Raum–über alle politischen Lager hinweg–einigkeit über eines: Geschäftsbeziehungen mit China können nicht wie bisher fortgesetzt werden. Diese Haltung wird besonders laut, wenn es um Zwangsarbeitsvorwürfe in chinesischen Lieferketten geht.
Aktuelle Gesetze gegen Zwangsarbeit in China
Schon vor diesen weitreichenden politischen Veränderungen lehnten Regierungen Zwangsarbeitspraktiken in China deutlich ab. In Europa verpflichten die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD)—ergänzt durch zahlreiche länderspezifische Vorschriften—Lieferanten dazu, ihre Lieferketten (inklusive Sub-Tier-Lieferanten, sofern möglich) systematisch auf Zwangsarbeit und Menschenrechtsverletzungen zu überprüfen. In den USA verbieten Gesetze wie der Uyghur Forced Labor Prevention Act (UFLPA) ausdrücklich die Einfuhr von Waren in die USA, sofern diese unter Einsatz von Zwangsarbeit produziert wurden, insbesondere aus der Region Xinjiang im Nordwesten Chinas.
„Hart gegenüber China“ bleibt im Westen populär
Pew Research ergab, dass 81 % der Amerikaner China ablehnend gegenüberstehen; viele nennen die weltweiten Ambitionen, die Haltung gegenüber anderen Staaten und territoriale Streitigkeiten als Gründe.
Auch im Rest der Welt zeigt sich ein ähnliches, negatives Bild. Von 24 befragten Ländern hatten zwei Drittel eine negative Meinung zu China. Zu den Ländern mit überwiegend ablehnender Haltung zählen Japan, Südkorea, Australien, Kanada und Schweden.
Kein Wunder also, dass westliche Gesetzgeber davon überzeugt sind, dass China-bezogene Regulierungen und der Schutz heimischer Industrien politisch weiterhin populär bleiben.
In den USA bleibt das Bestreben, „hart gegenüber China“ aufzutreten, ein seltenes Thema mit breitem Konsens über die Parteigrenzen hinweg. (Dies zeigt sich zum Beispiel im Uyghur Human Rights Policy Reauthorization Act of 2024, der parteiübergreifend, u.a. von Senator Marco Rubio (R-FL) und Senator Jeff Merkley (D-OR), eingebracht wurde.) Folglich üben sowohl die scheidende Biden- als auch die amtierende Trump-Regierung maximalen Druck auf China aus – insbesondere in Bezug auf Zwangsarbeit und wirtschaftliche Aspekte.
Um im Kreuzfeuer dieses Handelskonflikts nicht unterzugehen, verstärken globale Unternehmen mit Lieferanten in China (insbesondere in der Region Xinjiang) ihre Due-Diligence-Maßnahmen im Bereich Handels-Compliance. Doch zuverlässige Antworten auf Fragen zu Zwangsarbeit und anderen compliance-relevanten Themen zu erhalten, wird zunehmend schwieriger.
Warum es schwer ist, chinesische Lieferanten ins Boot zu holen
Chinesische Lieferanten zur konsequenten Einhaltung Ihrer Due-Diligence-Anforderungen zu bewegen, ist oft eine Herausforderung – allerdings aus anderen Gründen als häufig angenommen. Chinesische Lieferanten geraten häufig durch direkten Druck der Regierung und lokaler Behörden in Schwierigkeiten, wenn sie auf Anfragen reagieren sollen.
Obwohl chinesische Lieferanten größtenteils verstehen, dass Marktregeln eine nachweisbare Lieferkette ohne Zwangsarbeit verlangen, bringen Fragen rund um Zwangsarbeit, Menschenrechte und Arbeitsbedingungen sie in eine heikle Situation.
Das liegt unter anderem daran, dass die chinesische Regierung öffentlich erklärt hat, es gebe keine Zwangsarbeit in Xinjiang. Jegliche Bemühungen chinesischer Unternehmen, bewusst auf Produkte aus dieser Region zu verzichten, wirken daher auf Behörden provokant.
So stehen chinesische Lieferanten zwischen den Stühlen: Ausländische Unternehmen fordern Transparenz zur Lieferkette, während lokale Behörden darauf pochen, weiterhin mit Unternehmen vor Ort zusammenzuarbeiten – unabhängig von anderen Faktoren.
Handels-Compliance ist für alle Beteiligten ein bewegliches Ziel
Nahezu monatlich nimmt die US-Regierung immer mehr Firmen und Organisationen in ihre Sanktionen- und Entity-Listen auf.
- 2023 setzte die USA 2.500 neue Organisationen auf die Specially Designated Nationals (SDN) List – eine Liste mit Personen und Organisationen, die Sanktionen unterliegen. Das entspricht einem Anstieg um 16 % innerhalb eines Jahres.
- 2024 ergänzte das Department of Homeland Security (DHS) die UFLPA Entity List um 73 neue Firmen – ein Zuwachs von 284 % gegenüber 2023.
Diese Flut neuer Sanktionen zwingt Unternehmen, ihre Handels-Compliance-Anstrengungen massiv zu erhöhen, um mit der sich ständig ändernden geopolitischen Lage Schritt zu halten.
Hinzu kommt die besondere Herausforderung des Rückwirkens von Sanktionen: Sobald eine Organisation auf eine Sanktionsliste gesetzt wird, müssen Unternehmen sämtliche geschäftlichen Verbindungen zu ihr umgehend abbrechen. Jede bestehende Verbindung zu einer gelisteten Organisation führt unmittelbar zur Nicht-Compliance.
Dieses Vorgehen führt dazu, dass Compliance-Teams oft permanent versuchen, mit den Regulierungsänderungen Schritt zu halten – nicht zuletzt, wenn binnen eines Tages ein bis zwei Dutzend neue Organisationen ohne jede Voranmeldung gelistet werden.
Auch interessant: Was ist Sanctions Forecasting und wie können Unternehmen es nutzen, um künftige Sanktionen zu identifizieren?
Die Risiken direkter Transparenzforderungen bei chinesischen Lieferanten
Obwohl der offensichtlichste Ansatz im Sanktionskontext darin besteht, Lieferkettenprobleme proaktiv anzusprechen und relevante Daten einzufordern, kann gerade in Bezug auf China ein direkter, klar formulierter Informationsaustausch unerwünschte Folgen haben. Gerade für multinationale Firmen mit Vertrieb in China gilt: Es gab seit 2025 mehrere prominente Fälle, die zeigen, dass Informationsbeschaffung zu Zwangsarbeit, Due Diligence und Maßnahmen gegen Zwangsarbeit für Unternehmen ein Minenfeld darstellen.
Der Fall Calvin Klein und die KPCh
Im September 2024 leitete China Ermittlungen gegen die Modemarke Calvin Klein wegen mutmaßlich „diskriminierender Maßnahmen“ gegenüber Unternehmen aus Xinjiang ein. Das chinesische Handelsministerium warf Calvin Klein vor, Xinjiang-Baumwolle und dortige Produkte ohne jede sachliche Grundlage zu boykottieren. Calvin Klein stand in einem Dilemma: Die Einhaltung US- und EU-Handelsgesetze brachte das Unternehmen in direkte Konflikte mit chinesischen Behörden – ein damals zentraler Markt. Auch wenn keine Sanktion erfolgte, war die Botschaft eindeutig: Der Abbruch von Geschäftsbeziehungen wegen Zwangsarbeitsvorwürfen wird nicht akzeptiert.
Razzien bei Daten- und Marktforschungsdienstleistern in China
2023 und 2024 wurden mehrere auf Branchendaten und Due Diligence spezialisierte Beratungsfirmen in ganz China durchsucht. In diesen Fällen hatten die Beratungen praxisübliche Methoden wie „Experteninterviews“ genutzt, um Informationen über chinesische Marktbedingungen zu erheben und dann ausländischen Unternehmen verfügbar zu machen. Obwohl diese Methoden im globalen Raum üblich sind, zeigen die Razzien der chinesischen Behörden, dass die Toleranz im Inland dafür offenbar begrenzt ist.
Warum Vor-Ort-Audits für Due Diligence nicht ausreichen
Wichtig im Kontext von UFLPA und Zwangsarbeits-Compliance: Die US-Regierung bewertet Vor-Ort-Audits in China als unzureichend, um Zwangsarbeit zuverlässig aufzudecken – Gründe sind die „fehlende Redefreiheit von Arbeitnehmenden“ und „Schikane, denen Auditoren in China begegnen“. Damit sind die Möglichkeiten ausländischer Unternehmen, potenzielle Zwangsarbeitsrisiken in ihrer Lieferkette zu ermitteln, weiter eingeschränkt. Auch wenn in China kein offizielles Verbot für Due-Diligence-Maßnahmen existiert, zeigt sich, dass Repräsentanten vor Ort in etlichen Regionen bei entsprechenden Prüfungen eingeschüchtert oder behindert wurden.
Was können Hersteller tun?
Im zweiten Teil dieser Serie beleuchten wir praxisnahe Schritte, wie Unternehmen Handels-Compliance-Themen mit ihren chinesischen Lieferanten ansprechen können.
Risikobehaftete Lieferanten identifizieren, bevor sie gelistet werden
Für Unternehmen, die potenzielle Verbindungen zu sanktionierten Organisationen in ihren Lieferketten aufdecken oder besonders gefährdete Geschäftspartner erkennen möchten, bietet das Tool Supplier Insights von Z2Data eine leistungsstarke Lösung. Mit aktuellen Sanktionsdaten und fortschrittlicher Analytik hilft Supplier Insights, risikobehaftete Akteure frühzeitig zu erkennen und ihre Beziehungen in die eigene Lieferkette direkt sichtbar zu machen.
Sanctions Forecasting in der Praxis: Zijin Mining Group Co. Ltd
Am 15. Januar 2025 setzte das DHS 37 neue Unternehmen auf die UFLPA Entity List, darunter Zijin Mining Group Co., Ltd., einen der weltweit größten Kupferveredler. Zijin ist mit zahlreichen Tier-1-Lieferanten in Elektronik- und Automobilindustrie verbunden. Die Supplier Insights-Lösung von Z2Data hatte bereits über 200 Tage im Voraus, am 13. Juni 2024, auf das erhöhte Sanktionsrisiko von Zijin hingewiesen.
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