Was bedeuten Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Emissionen?

Immer mehr Unternehmen stehen unter Druck, ihre Treibhausgasemissionen nach den Kategorien Scope 1, 2 und 3 zu berichten. Doch was bedeuten diese Messgrößen und wie können Unternehmen sie berechnen?

Was bedeuten Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Emissionen?

Überblick über den Artikel:

  • Das GHG Protocol wurde entwickelt, um internationale Standards zur Berechnung und Berichterstattung über Treibhausgasemissionen zu schaffen und zu veröffentlichen.
  • Das GHG Protocol klassifiziert Kohlenstoffemissionen in Scope 1, Scope 2 oder Scope 3. 
  • Scope 1 umfasst Treibhausgase, die ein Unternehmen selbst auf seinem eigenen Gelände und aus Emissionsquellen, die es besitzt, in die Atmosphäre freisetzt.
  • Scope 2 umfasst Emissionen, die durch zugekauften Strom aus dem öffentlichen Netz verursacht werden. 
  • Scope 3 umfasst alle weiteren indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette eines Unternehmens. 
  • Nahezu 60 % der börsennotierten Unternehmen berichten heute größtenteils freiwillig über Emissionen aus Scope 1 und 2.

1998 starteten das World Resources Institute (WRI), eine US-amerikanische Umwelt-NGO, und der World Business Council for Sustainable Development (WBCSD), ein Zusammenschluss von 170 internationalen Unternehmen mit dem Fokus auf die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen, die Greenhouse Gas Protocol Initiative

Die Greenhouse Gas Protocol Initiative (GHG Protocol)

Das GHG Protocol verfolgte das Ziel, internationale Standards zur Berechnung und Berichterstattung über Treibhausgasemissionen zu entwickeln und zu veröffentlichen. Das ausdrückliche Ziel war es, ein breit akzeptiertes Rahmenwerk zu schaffen, das Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Branchenverbände für die Quantifizierung und Berichterstattung ihrer Treibhausgasemissionen gegenüber Behörden, Regierungen und der Öffentlichkeit nutzen können.

Die federführenden Organisationen sahen zudem die Chance, weltweite Berichtspflichten zu standardisieren. Wie der Corporate Accounting and Reporting Standard des GHG Protocol erläutert: „Politikgestalter und Entwickler von GHG-Programmen können relevante Teile dieses Standards auch als Grundlage für ihre eigenen Anforderungen an Bilanzierung und Berichterstattung verwenden.“ Mit der Erstveröffentlichung der Bilanzierungs- und Berichtsstandards 2001 führte das GHG Protocol ein Konzept ein, das zum grundlegenden Rahmen für die Messung des CO2-Fußabdrucks von Unternehmen wurde: Emissionen-„Scopes“ (Bereiche). 

Das Dokument kategorisierte Kohlenstoffemissionen als Scope 1, Scope 2 oder Scope 3. Die Idee, die Treibhausgasemissionen eines Unternehmens drei unterschiedlichen Scopes zuzuordnen, war zur Veröffentlichung des ersten Corporate Accounting and Reporting Standard 2001 völlig neuartig.

Heute – über zwei Jahrzehnte später – ist dieses Konzept eine allgegenwärtige und allgemein anerkannte Methode zur Messung von Kohlenstoffemissionen in der Unternehmenswelt. 

Welche Gase deckt das GHG Protocol ab?

Das GHG Protocol umfasst die Bilanzierung und Berichterstattung der sieben wichtigsten Treibhausgase gemäß Kyoto-Protokoll. Dazu gehören:

  • Kohlendioxid (CO2)
  • Methan (CH4)
  • Distickstoffoxid (N2O)
  • Hydrofluorcarbone (HFCs)
  • Perfluorcarbone (PFCs)
  • Schwefelhexafluorid (SF6)
  • Stickstofftrifluorid (NF3)

Was sind Scope 1-Emissionen?

Scope 1-Emissionen sind die klar verständlichste Kategorie der durch das GHG Protocol definierten Emissionen. Hierzu zählen Treibhausgase, die ein Unternehmen direkt aus eigenen Anlagen und weiteren im Eigentum befindlichen Emissionsquellen in die Atmosphäre freisetzt (auch als „direkte Emissionen“ bezeichnet). 

Beispiele für Scope 1 sind Treibhausgase aus der Verbrennung von Brennstoffen in Heizkesseln oder Öfen zur Gebäudeheizung, der Verbrennung von Benzin in firmeneigenen Fahrzeugen sowie Emissionen infolge chemischer Produktion im eigenen Werk. 

Im Corporate Accounting and Reporting Standard des GHG Protocol ist erläutert, dass Scope 1-Emissionen „im Wesentlichen auf folgende Tätigkeiten zurückzuführen“ sind:

  • Strom-, Wärme- oder Dampferzeugung
  • Physikalische oder chemische Verarbeitung
  • Transport von Materialien, Produkten, Abfällen und Mitarbeitenden
  • Diffuse Emissionen („fugitive emissions“), also beabsichtigte oder unbeabsichtigte Freisetzungen durch Leckagen und andere Vorfälle

Was sind Scope 2-Emissionen?

Dies sind Emissionen, die durch den Einkauf von Strom aus dem öffentlichen Netz verursacht werden. Da diese Emissionen nicht direkt aus den Tätigkeiten des Unternehmens resultieren, sondern von Kraftwerken ohne operative Verbindung zum Unternehmen ausgestoßen werden, spricht man von „indirekten Emissionen“. 

Obwohl Scope 2 als indirekte Emission gilt, hebt das GHG Protocol diese Kategorie hervor, weil sowohl die Menge an gekauftem Strom als auch das Reduktionspotenzial durch alternative Energiequellen und effizientere Technologien besonders groß sind. „Für viele Unternehmen stellen gekaufte Elektrizität und die damit verbundenen Emissionen eine der größten Quellen von Treibhausgasen und zugleich die bedeutendste Reduktionsmöglichkeit dar“, heißt es in einem Berichtsdokument des GHG Protocol. 

Was sind Scope 3-Emissionen?

Scope 3 steht für alle weiteren indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette eines Unternehmens (alle vor- und nachgelagerten Aktivitäten, die sich auf das Unternehmen zurückführen lassen). Scope 3 stellt die größte und zugleich heterogenste Kategorie von Emissionen nach GHG Protocol dar. Laut World Resources Institute, der US-NGO und Mitbegründer der Initiative, machen Scope 3-Emissionen im Durchschnitt 75 % der gesamten Treibhausgasemissionen eines Unternehmens aus. Aufgrund der Größe und Vielfalt der Kategorie ist Scope 3 typischerweise am schwersten eindeutig zu bestimmen und zu berechnen. 

Hierzu gehören zahlreiche vorgelagerte Aktivitäten, wie Rohstoffabbau, zugehörige Produktion und Transport/Distribution der Materialien. Scope 3 umfasst zudem nachgelagerte Ereignisse, z. B. Emissionen bei der Nutzung der Produkte/Dienstleistungen und bei Entsorgung oder End-of-Life-Management. Ebenfalls abgedeckt sind weitere indirekte Emissionen außerhalb der Scopes 1 und 2, zum Beispiel Pendelwege von Mitarbeitenden. 

Kategorien von Scope 3-Emissionen

Der Corporate Accounting and Reporting Standard des GHG Protocol definiert eine Vielzahl an Kategorien und Unterkategorien für die Berechnung und Berichterstattung von Scope 3-Emissionen:

  • Abbau und Herstellung von Materialien, Komponenten und Kraftstoffen, die das Unternehmen beschafft
  • Transportaktivitäten wie Transport vorgelagerter Materialien, Pendelwege, Geschäftsreisen und nachgelagerte Distribution
  • Treibhausgase aus Abbau, Produktion und Transport von Energieträgern zur Stromerzeugung (Aktivitäten außerhalb von Scope 2)
  • Kohlendioxidemissionen, die am Endverbrauch der Produkte und Dienstleistungen entstehen
  • End-of-Life-Aktivitäten inklusive Entsorgung von Abfällen aus Betrieb und Produktion sowie Entsorgung der Produkte nach deren Nutzung 
  • Unter bestimmten Umständen Emissionen im Zusammenhang mit gemieteten Vermögenswerten, Franchisebetrieben oder ausgelagerten Tätigkeiten 

Was bedeutet „Organisationale Abgrenzung“ bei Treibhausgasemissionen?

Das GHG Protocol und die dahinterstehenden NGOs erkannten, dass die genaue Abgrenzung der Einrichtungen und Tätigkeiten eines Unternehmens eine zentrale Herausforderung bei der Bilanzierung und Berichterstattung von Treibhausgasemissionen darstellt. Zur Lösung dieses Problems wurde das Konzept der „organisationalen Abgrenzung“ eingeführt. Diese legt fest, welche Standorte und Aktivitäten unter Eigentum und Kontrolle des Unternehmens stehen und daher in die Emissionsbilanz einzubeziehen sind. Das GHG Protocol bietet zwei Methoden zur Bestimmung der organisationalen Abgrenzung:

  • Nach der „Equity-Share-Methode“ erfolgt die Berechnung der Treibhausgasemissionen auf Basis des Anteils (Beteiligung) des Unternehmens an einer Einrichtung oder Aktivität, üblicherweise angegeben als Prozentsatz des Eigentums.
  • Bei der „Kontrollansatz-Methode“ ist das Unternehmen für 100 % der Emissionen aus allen Einrichtungen und Tätigkeiten, die es kontrolliert, verantwortlich. (Standorte oder Aktivitäten mit Minderheitsbeteiligung zählen entsprechend nicht.) Kontrolle kann dabei als finanzielle oder operative Kontrolle verstanden werden; Details hierzu enthält der Corporate Accounting and Reporting Standard. 

Was bedeutet „Operative Abgrenzung“ bei Treibhausgasemissionen?

Sobald ein Unternehmen seine organisationale Abgrenzung definiert hat, muss es die operative Abgrenzung festlegen. Dazu werden zunächst alle Treibhausgasemissionen, die durch die Geschäftstätigkeit entstehen oder damit zusammenhängen, ermittelt. Danach erfolgt die Zuordnung dieser Emissionen zu einem der drei GHG Protocol-Scopes. 

Da Scope 3 häufig besonders umfangreich ist, nutzen einige Unternehmen die operative Abgrenzung, um zu bestimmen, welche Scope 3-Unterkategorien sie bei ihrer Emissionsberichterstattung berücksichtigen. Viele Behörden und Regulierungsstellen verlangen bislang keine Berichterstattung über Scope 3-Emissionen. Laut EPA gilt jedoch: „Zur vollständigen Einhaltung der GHG Protocol-Standards muss eine Organisation Emissionen aus allen relevanten Scope 3-Kategorien berichten.“

Welche Aufsichtsbehörden verlangen derzeit Berichterstattung zu Emissions-Scopes?

Obwohl die erste Ausgabe des Corporate Accounting and Reporting Standard bereits 2001 als entscheidender Standardisierungsmechanismus für die Berechnung von Kohlenstoffemissionen breite Akzeptanz fand, wurden große Regierungen dadurch nicht unmittelbar zur Einführung von Berichtspflichten veranlasst. Es dauerte fast zwei Jahrzehnte, bis Aufsichtsbehörden damit begannen, das GHG Protocol zu übernehmen und dessen Emissions-Scopes in Verpflichtungen und Vorschriften einzubauen. 

Doch auch 2024 verlangen nur wenige Regierungen oder Behörden von Unternehmen die Berichterstattung über ihre Treibhausgasemissionen nach GHG Protocol. (Wobei laut einem aktuellen Bericht von MSCI, beinahe 60 % der börsennotierten Unternehmen inzwischen freiwillig zu Scope 1- und 2-Emissionen berichten.)

Doch auch 2024 verlangen nur wenige Regierungen oder Behörden von Unternehmen die Berichterstattung über ihre Treibhausgasemissionen nach GHG Protocol.
  • Corporate Sustainability Reporting Directive: Die CSRD wurde von der Europäischen Union als umfassenderer Nachfolger der Non-Financial Reporting Directive (NFRD) eingeführt. Sie nutzt die European Sustainability Reporting Standards (ESRS) und verpflichtet betroffene Unternehmen zur Berichterstattung über 12 Kategorien/Standards, darunter Klimawandel (ESRS E1), der die Berichterstattung über Scope 1, Scope 2 und Scope 3 vorschreibt.
  • Corporate Sustainability Due Diligence Directive: Die CSDDD, im Mai von der EU angenommen, verpflichtet bestimmte EU-Unternehmen zur Umsetzung spezifischer Sorgfaltspflichten zur Identifizierung und Minderung negativer Umwelt- und Sozialauswirkungen. Darüber hinaus verlangt die CSDDD die Entwicklung eines Klima-Transformationsplans mit Zielen zur Reduzierung der Scope 1-, 2- und 3-Emissionen bis 2050. Die Anforderungen an den Klima-Transformationsplan der CSDDD sind auf die CSRD abgestimmt, wodurch Unternehmen, die unter beide Direktiven fallen, keinen doppelten Berichtspflichten nachkommen müssen. 
  • International Sustainability Standards Board: Die ISSB wurde 2021 von der International Financial Reporting Standards Foundation (IFRS) gegründet, um Standards für Nachhaltigkeitsberichterstattung zu entwickeln. Die ISSB sieht klimabezogene Berichtspflichten vor, die auf dem Corporate Accounting and Reporting Standard des GHG Protocol (einschl. Scope 1, 2 und 3) basieren. 2024 werden zahlreiche Länder Emissionsberichtspflichten auf Basis der ISSB einführen, darunter UK, Brasilien, Mexiko, Kanada, Singapur, Japan und Hongkong. 
  • SEC-Klimaberichtspflichten: Im März verabschiedete die SEC eine endgültige Regelung, die börsennotierte Unternehmen zu Klimaberichten verpflichtet. Die Umsetzung erfolgt stufenweise: Große Unternehmen müssten ab SEC-Berichtsjahr 2025 Scope 1- und Scope 2-Emissionen offenlegen – allerdings nur, sofern diese „wesentlich für das berichtende Unternehmen“ sind. Die Zukunft dieser Anforderungen ist jedoch offen, da die SEC am 4. April einen Beschluss zur Aussetzung der neuen Regeln veröffentlichte. 
  • Climate Corporate Data Accountability Act: Auch als California SB 253 bekannt, fordert dieses Gesetz Unternehmen mit einem Umsatz über 1 Milliarde USD und Geschäftstätigkeit in Kalifornien zur Offenlegung der Scope 1-, 2- und 3-Emissionen gemäß GHG Protocol auf. Berichtspflichten zu Scope 1 und 2 treten ab 2026 in Kraft, Scope 3 folgt ein Jahr später. 

Bewertung der Risiken durch Berichtspflichten zu Kohlenstoffemissionen 

Die Einführung des GHG Protocol und die Ermittlung sowie Berichterstattung über Kohlenstoffemissionen stellen Unternehmen vor ein Dilemma: Trotz weniger gesetzlicher Vorgaben wächst durch die zunehmende Bedeutung von Nachhaltigkeitsberichterstattung der Druck, zumindest Scope 1- und 2-Emissionen offen zu legen. Auch wenn Regulierer weltweit nach wie vor langsam und schrittweise Berichtspflichten umsetzen, sorgt der wachsende gesellschaftliche Konsens zur Rechenschaftspflicht dafür, dass die GHG Protocol-Standards faktisch immer verbindlicher werden. 

Trotz weniger gesetzlicher Vorgaben wächst durch die zunehmende Bedeutung von Nachhaltigkeitsberichterstattung der Druck, zumindest Scope 1- und 2-Emissionen offen zu legen.