Artikel-Highlights:
- Seltene Erden – auch oft als seltene Metalle oder einfach „Rare Earths“ bezeichnet – sind eine Gruppe von 17 metallischen Elementen. Diese Elemente zeichnen sich durch eine silbrig-weiße Färbung aus und sind in der Regel weich und gut verformbar.
- Seltene Erden sind essenziell für die Herstellung von Elektrofahrzeugen, die einen sogenannten Permanentmagnet-Synchronmotor (PMSM) nutzen. Dieser Motortyp verwendet Magnete, die im Rotor eingebettet sind, um ein dauerhaftes Magnetfeld zu erzeugen, das das Drehmoment produziert und den Motor antreibt.
- Die chinesischen Beschränkungen für die globale Versorgung mit seltenen Erden hatten erhebliche Auswirkungen auf die EV-Lieferkette. Automobilhersteller in den USA, Europa und anderswo hatten Schwierigkeiten, ausreichend Magnete für ihre Elektromotoren zu beschaffen. Die Auswirkungen – wenn auch nicht katastrophal – verdeutlichen die Risiken eines solch hohen geografischen Konzentrationsgrades dieser Ressourcen.
Der Markt für Elektrofahrzeuge (EV) befindet sich in einer erstaunlichen Wachstumsphase. Zu Beginn des Jahrzehnts, im Jahr 2020, wurden weltweit rund drei Millionen EVs verkauft. Vier Jahre später, 2024, stieg diese Zahl auf 17 Millionen – eine nahezu versechsfachte Steigerung in weniger als fünf Jahren. Obwohl das Marktwachstum global nicht gleichmäßig verteilt ist – China steht derzeit für etwa zwei Drittel aller weltweiten EV-Verkäufe – gibt es weiterhin Anzeichen für eine starke Nachfrage auf allen Kontinenten.
Der rasante Aufstieg der EV-Industrie geht einher mit einem entsprechenden Ausbau ihrer Lieferkette – einem komplexen Fertigungsnetzwerk, das alles von elektronischen Bauteilen über Stahl und Aluminium bis hin zu seltenen Erden (REEs) umfasst. Genau diese Kategorie stellt jedoch die größte Schwachstelle der Branche dar und birgt zahlreiche Risiken für eine Lieferkette, die sich keinen Lieferengpass, kein Nadelöhr und keine größere Störung leisten kann.
Gleichwohl sind REEs nach wie vor unentbehrliche Materialien für die Fertigung von Elektrofahrzeugen. Sofern die Branche nicht entschlossen ihre Lieferketten anpasst oder Maßnahmen zur Risikominderung trifft, bleibt ein erhebliches Beschaffungsrisiko bestehen, das direkt ins Auge fällt und doch oft übersehen wird.
Was sind Seltene Erden (REEs)?
Seltene Erden – auch als seltene Metalle oder einfach „Rare Earths“ bezeichnet – sind eine Gruppe von 17 metallischen Elementen. Diese zeichnen sich durch eine silbrig-weiße Färbung aus und sind allgemein weich und gut verformbar.
- Lanthan
- Symbol: Ln
- Ordnungszahl: 57
- Cerium
- Symbol: Ce
- Ordnungszahl: 58
- Praeseodym
- Symbol: Pr
- Ordnungszahl: 59
- Neodym
- Symbol: Nd
- Ordnungszahl: 60
- Promethium
- Symbol: Pm
- Ordnungszahl: 61
- Samarium
- Symbol: Sm
- Ordnungszahl: 62
- Europium
- Symbol: Eu
- Ordnungszahl: 63
- Gadolinium
- Symbol: Gd
- Ordnungszahl: 64
- Terbium
- Symbol: Tb
- Ordnungszahl: 65
- Dysprosium
- Symbol: Dy
- Ordnungszahl: 66
- Holmium
- Symbol: Ho
- Ordnungszahl: 67
- Erbium
- Symbol: Er
- Ordnungszahl: 68
- Thulium
- Symbol: Tm
- Ordnungszahl: 69
- Ytterbium
- Symbol: Yb
- Ordnungszahl: 70
- Lutetium
- Symbol: Lu
- Ordnungszahl: 71
- Scandium
- Symbol: Sc
- Ordnungszahl: 21
- Yttrium
- Symbol: Y
- Ordnungszahl: 39
REEs sind zu essenziellen Ressourcen der modernen Fertigungsindustrie geworden. Sie werden heute in zahlreichen Branchen eingesetzt, darunter Unterhaltungselektronik, Telekommunikation, Automobil, Luft- und Raumfahrt sowie Wehrtechnik. Hersteller setzen die Elemente z. B. für Smartphones, Elektrofahrzeuge, Laser und Lenkwaffentechnik ein. Obwohl REEs häufig nur einen kleinen Anteil an den Gesamtkosten oder am Gewicht eines Produkts ausmachen, ist ihre Verwendung im Design unentbehrlich. Wie der U.S. Geological Survey ausführt: „Auch wenn die Menge der REEs in einem Produkt nach Gewicht, Wert oder Volumen keine große Rolle spielt, können sie für die Funktion des Geräts unerlässlich sein.“
In den letzten 25 Jahren hat sich der Abbau und die Verarbeitung von seltenen Erden gravierend verändert. Anfang der 1990er Jahre waren Produktion und Verarbeitung noch über verschiedene Länder und Regionen verteilt, darunter China, die USA, Australien und Indien. Doch im Verlauf der folgenden drei Jahrzehnte führte die chinesische Regierung eine nationale Strategie zur Ausweitung ihres Anteils an der globalen REE-Produktion durch – mit Erfolg. 2011 verantwortete China rund 97 % der weltweiten Produktion aller 17 REEs. Auch wenn diese Quote seither gesunken ist, kontrolliert das Land immer noch über 70 % des weltweiten Abbaus und der Veredelung von seltenen Erden.
Die überproportionale Kontrolle Chinas über Seltene Erden ist ein wesentlicher Grund, warum diese Rohstoffe ein derart gravierendes Risiko für EV-Hersteller und deren Lieferkette darstellen.
Doch im Verlauf der folgenden drei Jahrzehnte führte die chinesische Regierung eine nationale Strategie zur Ausweitung ihres Anteils an der globalen REE-Produktion durch – mit Erfolg.
Warum sind Seltene Erden für die EV-Lieferkette kritisch?
Seltene Erden sind für die Herstellung von Elektrofahrzeugen unentbehrlich – allerdings aus anderen Gründen, als vielfach angenommen wird. Ein weit verbreitetes Missverständnis ist, dass Rare Earths in EV-Batterien eingesetzt werden. Elektrofahrzeuge nutzen primär Lithium-Ionen-Batterien, die aus Lithium, Nickel, Kobalt, Mangan und Graphit bestehen.
Tatsächlich sind es die Motoren von EVs, die in hohem Maße von REEs abhängen. Viele Modelle setzen auf Permanentmagnet-Synchronmotoren (PMSM), die Magnete im Rotor verwenden, um ein dauerhaftes Magnetfeld für den Antrieb und das Drehmoment zu erzeugen. Für Permanentmagnet-Synchronmotoren werden mehrere Seltene Erden benötigt:
- Neodym
- Samarium
- Dysprosium
- Terbium
- Praeseodym
Das Nadelöhr der EV-Lieferkette
Wie bereits erläutert, dominiert China heute die Förderung und Raffination sämtlicher 17 Seltenerd-Elemente. Damit ist das Land in der wachsenden EV-Industrie äußerst einflussreich, und der Großteil der Hersteller muss zumindest einen Teil der benötigten Rohstoffe aus China beziehen.
Das Problem für Automobilhersteller und OEMs (Original Equipment Manufacturer) in den USA, der EU und anderen Ländern liegt darin, dass China diese Macht in der Lieferkette gezielt einzusetzen weiß. Ein häufig zitiertes Beispiel hierfür ist der Streit zwischen China und Japan im Jahr 2010.
Die japanische Seltene-Erden-Krise 2010
Nach einer maritimen Auseinandersetzung bei den Senkaku-Inseln, bei der chinesische und japanische Fischereiboote kollidierten, ging China mit Exportbeschränkungen für Seltene Erden gegen Japan vor. Infolge dieser Restriktionen konnte Japan keine alternativen Lieferquellen sicherstellen, die Industrie im Land geriet ins Wanken. Zwar wurde der Konflikt noch im selben Jahr beigelegt, doch das Ereignis bleibt ein eindrückliches Beispiel dafür, wie groß Chinas Hebel bei REEs ist. Wie ein aktuelles Whitepaper von Advanced Electric Machines aus Großbritannien feststellt, „bestehen die damals aufgedeckten strukturellen Schwächen fort und sind angesichts der globalen EV-Abhängigkeit heute noch gewichtiger“.
Die Exportkontrollen Chinas gegen Japan im Jahr 2010 sind keineswegs das einzige Beispiel, bei dem China den Zugang zu Seltenen Erden als geopolitisches Druckmittel eingesetzt hat. In den vergangenen Jahren verhängte das Land mehrfach Exportkontrollen auf REEs sowie bestimmte kritische Mineralien. Das wohl markanteste Beispiel ereignete sich im April 2025: Das chinesische Handelsministerium erließ Exportbeschränkungen für sieben REEs – weithin als Antwort auf die umfassenden US-Zölle unter Präsident Trump interpretiert.
Chinas REE-Vorherrschaft behindert die EV-Lieferkette
Nach offiziellen Zolldaten gingen die chinesischen Exporte Seltener Erden im April um die Hälfte zurück, im folgenden Monat noch stärker. Diese Verknappung durch Peking hatte beträchtliche Auswirkungen auf die gesamte EV-Lieferkette: Automobilhersteller in den USA, Europa und anderen Regionen kämpften darum, ausreichend Magnete für ihre Elektromotoren zu beschaffen. Die Folgen – wenn auch nicht desaströs – veranschaulichen die Risiken derart konzentrierter Ressourcen.
- Die Preise für Seltene Erden stiegen stark an, in Europa lagen sie für manche REEs bis zu sechsmal höher als in China.
- Die extremen Preisanstiege außerhalb Chinas beeinträchtigten die Wettbewerbsfähigkeit stark und verstärkten Chinas Dominanz in der Lieferkette, anstatt sie durch alternative Beschaffung oder Wettbewerb zu schwächen.
- Einige Automobilhersteller waren gezwungen, Werke vorübergehend zu schließen, was Produktionsziele und Zeitpläne beeinträchtigte.
Selbst nachdem die USA und China im Mai eine Einigung erzielt und chinesische Behörden zugesagt hatten, wieder Zugang zu den REEs zu gewähren, löste die Verzögerung bei der Erteilung der Exportlizenzen weitere Turbulenzen bei US-OEMs aus. Unterm Strich kam es zu weiteren Werksschließungen und Produktionsstopps. Wie das Center for Strategic and International Studies (CSIS) später feststellte, „zeigte der Vorfall deutlich, wie sich Pekings REE-Politik zu einem machtvollen Instrument wirtschaftlicher und geopolitischer Einflussnahme entwickelt hat.“
Diese Entwicklungen verdeutlichen, wie unsicher der Zugang zu Seltenen Erden weiterhin ist. Wenn die EV-Lieferkette auch künftig auf den Import von Neodym, Samarium und Dysprosium aus China angewiesen bleibt, akzeptiert sie damit ein Dauer-Beschaffungsrisiko.
Allerdings tut sich in der wachstumsstarken Branche einiges: Immer mehr EV-Hersteller kommen zu dem Schluss, dass REEs angesichts des strategischen Risikos nicht alternativlos sind. In den vergangenen ein bis zwei Jahren begannen Hersteller, neue Lieferketten außerhalb Chinas aufzubauen und zudem Konzepte für Motoren ohne Seltene Erden zu prüfen. OEMs wie Honda, Tesla, Nissan und General Motors befassen sich mit unterschiedlichen Ansätzen, etwa dem Einsatz von Induktionsmotoren oder Switched-Reluctance-Motoren (SMR).
Wenn die EV-Lieferkette auch künftig auf den Import von Neodym, Samarium und Dysprosium aus China setzt, nimmt sie damit ein anhaltendes, strukturelles Beschaffungsrisiko in Kauf.
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