Im ersten Teil unseres Berichts haben wir die Auswirkungen der russischen Invasion in der Ukraine und der darauffolgenden Kürzung der Gasströme nach Europa auf den globalen Energiemarkt skizziert.
Wir haben weiterhin die EU-Länder mit dem höchsten Risiko und der stärksten Abhängigkeit von russischem Gas sowie die potenziellen Auswirkungen einer Energiekrise in der EU auf die Halbleiter- und Elektronikfertigungsindustrie detailliert beschrieben.
Die Internationale Energieagentur (IEA) hat erklärt, dass die EU weiterhin dem Risiko eines vollständigen Gas-Lieferstopps durch Russland im Winter ausgesetzt ist. In diesem Bericht betrachten wir den aktuellen Stand der Gasspeicher in wesentlichen EU-Halbleiterfertigungsländern sowie die wichtigsten Auswirkungen.
EU-Energiestatus & Maßnahmenpläne
In den vergangenen Monaten haben die EU und die IEA an Plänen gearbeitet, um eine Energieunabhängigkeit Europas zu schaffen. In Erwartung potenzieller Gasengpässe und Störungen der Stromversorgung arbeiten die EU-Länder daran, ihre Gasreserven zu erhöhen, alternative Energiequellen zu sichern und haben sich bereit erklärt, ihren Gasverbrauch freiwillig bis März 2023 um 15 % zu senken – auf Empfehlung der IEA im „10-Punkte-Plan zur Reduzierung der Abhängigkeit der Europäischen Union von russischem Erdgas“.
Der IEA-Plan beinhaltet die beschleunigte Einführung von Solar- und Windkraft, die Installation von Energieeffizienzmaßnahmen in Haushalten und Unternehmen, die Maximierung der Nutzung bestehender emissionsarmer Energieträger wie erneuerbare Energien und Kernkraft sowie – am wichtigsten – die Suche nach alternativen Lieferanten für Gas und Treibstoff.
Eine weitere kurzfristige Maßnahme der EU-Mitgliedstaaten war die rasche Erhöhung ihrer Gasreserven, um eine ausreichende Energieversorgung im Winter sicherzustellen. Dies wurde erreicht, indem Flüssigerdgas (LNG) aus anderen Quellen wie Norwegen, Aserbaidschan und den USA importiert und der Gesamtenergieverbrauch in allen EU-Mitgliedstaaten gesenkt wurde.
Im Oktober 2022 lagen die durchschnittlichen Gasspeicherstände der EU-Mitglieder bei über 92 %. Die meisten EU-Staaten verfügen über eigene Gasspeicheranlagen, doch fast zwei Drittel der gesamten Speicherkapazität der EU befinden sich in fünf Ländern (Deutschland, Italien, Frankreich, Niederlande und Österreich).
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Die EU-Mitgliedstaaten haben sich zudem darauf geeinigt, Gas im Sinne europäischer Solidarität untereinander zu teilen. Länder ohne eigene Gasspeicher müssen künftig 15 % ihres jährlichen Inlandsverbrauchs in anderen Mitgliedstaaten vorhalten. So soll die Versorgungssicherheit in der EU gestärkt und die finanzielle Last beim Füllen der Speicher gerecht verteilt werden.
Auch wenn die EU kurzfristig ihre Gasvorräte auffüllen konnte, bestehen weiterhin Bedenken bezüglich der Energiesicherheit Europas, vor allem für 2023. Analysten warnen ausdrücklich vor Selbstzufriedenheit.
„Sind wir aus dem Gröbsten raus? Definitiv nicht. Auch wenn es derzeit mild ist, könnte eine längere Kälteperiode zu steigenden Preisen zum Ende dieses oder nächsten Winters führen“, so Tom Marzec-Manser, Leiter Gas-Analytics bei ICIS. Derzeit kreisen zahlreiche LNG-Frachter vor den Küsten Spaniens, da es an freien Terminals zum Entladen fehlt – ein Beleg für die unzureichende europäische Regasifizierungskapazität.
Faktoren wie steigende LNG-Nachfrage aus Europa oder Asien bei kaltem Winter und Verzögerungen durch technische Ausfälle oder zusätzlichen Ausfällen der Gasinfrastruktur könnten jederzeit Einfluss auf die Lage haben.
Potenzielle Auswirkungen auf die europäische Halbleiter- und Elektronikfertigungsindustrie
Laut aktueller Einschätzungen und Maßnahmen bleiben ressourcenintensive Fertigungsindustrien wie die Halbleiter- und Elektronikbranche in Europa verwundbar.
In 34 europäischen Ländern befinden sich Tausende Produktionsstätten für elektronische Bauelemente und Halbleiter. 80 % davon sind in zehn Ländern angesiedelt (Tschechien, Frankreich, Deutschland, Italien, Niederlande, Polen, Schweden, Schweiz, Spanien und Vereinigtes Königreich).
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Deutschland, das Vereinigte Königreich und Frankreich sind Sitz der meisten Werke, darunter STMicroelectronics N.V., TE Connectivity Ltd., Diodes Incorporated, onsemi, NXP Semiconductors, Phoenix Contact GmbH & Co. KG, Schurter Holding AG, Schneider Electric und Molex Incorporated. Die genannten Unternehmen verfügen über Fertigungshauptsitze, End- und Modulmontagen, IC-Packaging-Standorte, Fabs und Werke, die verschiedenste Halbleiter wie Chip-Widerstände, Folienkondensatoren, Rundsteckverbinder und Mikrocontroller produzieren.
Deutschland
Deutschland beherbergt die meisten Halbleiter-Produktionsstätten der EU – über 2.500 Standorte. Nahezu 600.000 Halbleiter-Bauteile, darunter Chip-Widerstände, Mikrocontroller, Folienwiderstände, Rundsteckverbinder, Taktgeneratoren und programmierbare Oszillatoren werden von Unternehmen wie Infineon Technologies AG, ITT Cannon, Vishay Intertechnology, Robert Bosch, Microchip Technology Inc., X-Fab Silicon Foundries, Texas Instruments, Recom Power und WIMA geliefert.
Aktuell verfügt Deutschland über mehr als 98 % Gasspeicherfüllstand und hat zur Sicherung der Energieversorgung drei russische Raffinerien unter staatliche Kontrolle gestellt. Zusätzlich werden trotz Klimaziele Kohlekraftwerke weiter betrieben und die Option zur Reaktivierung zweier Kernkraftwerke offen gehalten, um die Energiesicherheit zu gewährleisten.
Im September kündigte die Bundesregierung dennoch an, dass ab Frühjahr 2023 mit Gasknappheit gerechnet werden müsse und forderte Verbraucher angesichts Tausender Fabriken zum Gassparen auf. Im Oktober gab die Regierung zudem bekannt, dass rund 15.000 deutsche Geschäfte aufgrund hoher Energiekosten von Insolvenz bedroht sind – mit potenziellen Auswirkungen auf Deutschlands Ambitionen als Halbleiterfertigungszentrum.
Im Anschluss warnte der Autohersteller Volkswagen vor einer Produktionsverlagerung aus Deutschland, falls im Winter der Gasverbrauch reduziert und die Fertigungsenergie gesenkt werden müsse. Zudem schloss ArcelorMittal einen Hochofen, BASF kündigte Produktionskürzungen an und das Aluminiumwerk Rheinwerk gab eine ähnliche Erklärung ab.
Positiv ist, Deutschland kann als größte europäische Volkswirtschaft inzwischen Gas aus Frankreich importieren. Frankreich hat jedoch vor eigenen Problemen gewarnt und angekündigt, dass es ggf. nicht in der Lage sei, Gas nach Deutschland zu liefern.
Vereinigtes Königreich
Das Vereinigte Königreich ist das zweitgrößte Fertigungszentrum Europas mit mehr als 1.800 Werken. Nahezu 80.000 Halbleiter werden unter anderem von TE Connectivity, Harwin PLC, Global Connector Technology, Kemet Corporation, Cambion Electronics und Diodes Inc. produziert. Zu den gefertigten Produkten zählen Mikrocontroller, ADCs, Audioverstärker, Aluminium-Elektrolytkondensatoren, Timer, Rundsteckverbinder-Gehäuse, Kabelschellen, rechteckige Steckverbinder sowie zugehörige Header und Buchsen.
Das Vereinigte Königreich ist aufgrund des Brexits nicht Teil der EU-Energiemaßnahmen und die Regierung hat angekündigt, dass es nur begrenzte Gasvorräte gibt.
Die durchschnittlichen Haushaltsenergierechnungen stiegen im Oktober um 80 %. Großbritanniens Stromnetzbetreiber gab in dieser Woche bekannt, dass Haushalte und Unternehmen im Winter bei zu geringem Angebot mit bis zu dreistündigen Stromabschaltungen rechnen müssen, um für eine Eskalation der europäischen Energiekrise vorbereitet zu sein.
Zehntausende Unternehmen im Vereinigten Königreich sind durch die explodierenden Energiekosten von einer Geschäftsaussetzung bedroht. Hinzu kommt, dass der britische Regulierer Ofgem bereits angekündigt hat, dass einige Kraftwerke aufgrund von Gasmangel durch die Energiekrise den Betrieb einstellen könnten.
Frankreich
Frankreich ist Sitz zahlreicher Halbleiter-Fabs und das drittgrößte Fertigungszentrum Europas. Zu den wichtigsten Fabs zählen STMicroelectronics und Vishay Intertechnology sowie TE Connectivity. Diese Zulieferer fertigen über 90.000 Halbleiterkomponenten, darunter Chip-Widerstände, THT-Widerstände, Chassis-Mount-Widerstände, Mikrocontroller, Logikgatter und Inverter, Schalter, Multiplexer und Decoder.
Russlands Gazprom hat die Gaslieferungen an Engie in Frankreich seit September reduziert. Frankreich hat eine Notfallwarnung an Nachbarn wie Großbritannien und Spanien gesendet, möglichst viel Strom nach Frankreich zu liefern, falls nötig.
Trotz 98 % gefüllter Gasspeicher hat Frankreich einen Anstieg von Strom- und Gaspreisen auf 15 % gedeckelt, während es zu landesweiten Streiks durch Gewerkschaften kommt, die höhere Löhne fordern .
Im vergangenen Monat kündigte Aluminum Dunkerque an, die Produktion um ein Fünftel wegen der Stromkosten zu senken.
Frankreich arbeitet an der Stärkung seiner Energiesicherheit. Das französische Unternehmen Total Energies gründete mit dem brasilianischen Casa dos Ventos ein Joint Venture für ein neues Portfolio an erneuerbaren Energien in Brasilien.
Italien
Italien hat mehr als 650 Fertigungsstandorte, darunter Molex Incorporated, ITT Cannon, STMicroelectronics und Kemet Corporation. Diese Unternehmen betreiben derzeit 13 Fabs und produzieren über 60.000 Bauteile. STMicroelectronics betreibt 9 dieser Fabs und fertigt 16.000 Bauteile.
Im September gab Italien bekannt, es sei besorgt, dass Frankreich den Stromexport aufgrund rückläufiger Atomstromproduktion stoppen könnte. Außerdem teilte der italienische Versorger Eni mit, dass er im Oktober kein bestelltes Gas vom russischen Lieferanten Gazprom erhalten werde. Der CEO von Eni erklärte, dass Italien im Winter 2023/24 ohne ein neues LNG-Terminal ein Gasshortfall von 5 bis 6 Milliarden Kubikmetern drohen könnte.
Weitere wichtige Produktionsländer
Tschechien, Niederlande, Polen, Spanien, Schweden und Schweiz </strong;verfügen zusammen über mehr als 2.100 Fabs.
Überraschenderweise fertigt Tschechien mit rund 210.000 Halbleitern die meisten Bauteile unter diesen Ländern, darunter Chip-Widerstände, Durchsteck-Widerstände, Logikgatter, Schutzschalter und Taktgeneratoren. Die Niederlande, Schweden und Spanien fertigen je knapp 1.100 Komponenten.
Auch diese Länder sind von ähnlichen Problemen betroffen, Unternehmen kündigen Produktionskürzungen oder Geschäftsaufgaben infolge hoher Energiekosten an. So hat z.B. eines von zehn Schweizer Unternehmen bereits wegen hoher Strompreise die Produktion gesenkt – angesichts drohender Energieknappheit im Winter.
Fazit
In Europa droht eine Energiekrise, die trotz kurzfristig aufgefüllter Gasspeicher das Potenzial hat, tausende Elektronikhersteller zu beeinträchtigen.
Am stärksten betroffen sind Produktgruppen wie Mikrocontroller (MCU), Speicherbausteine, Leistungsbauteile, Dioden, Widerstände und Kondensatoren.
Unternehmen sollten ihre Abhängigkeiten in der Lieferkette genau analysieren, um notwendige Vorkehrungen hinsichtlich potenzieller Energieunterbrechungen innerhalb Europas treffen zu können.
Ein tiefgehendes, umfassendes Verständnis der eigenen Fertigungs-, Lieferanten- und Rohstoffbezugsorte versetzt Sie in die Lage, proaktiv Maßnahmen in Beschaffung und Produktion zu ergreifen.
Strategien, um gestiegene Lieferkettenrisiken, beispielsweise aufgrund geopolitischer oder ökologischer Volatilitäten, zu begegnen, sind zentral für eine resiliente Lieferkette.
Zusätzlich hilft die Transparenz hinsichtlich Ihrer Lieferantendiversität, Maßnahmen wie Multi-Sourcing zu ergreifen, um Schwachstellen in Ihrer Elektroniklieferkette zu verringern und Resilienz im operativen Bereich zu schaffen.
Die Vielzahl an Daten und Risikofaktoren zu filtern und ihre Relevanz für den eigenen Betrieb zu entschlüsseln, ist aufwändig und teuer. Hinzu kommt die Komplexität, interne und externe Daten in eine nutzbare Plattform zu integrieren, auf die mehrere Teams zugreifen und gemeinsam arbeiten können.
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