Weltraumrennen, Wettrüsten und jetzt – das Chip-Rennen? Weltweit investieren Staaten Milliarden in den Ausbau ihrer Halbleiter-Fertigungskapazitäten, um den anhaltenden Chip-Lieferengpass zu bewältigen und zugleich die globale Führungsrolle bei der Chip-Produktion zu erringen. Eine klassische Win-win-Strategie.
Die USA setzen für die Halbleiterproduktion auf die Wüsten im Südwesten. Zeitgleich arbeitet Japan mit Hochdruck am Ausbau seiner Kapazitäten, um im Wettbewerb – der aktuell von China dominiert und von den USA dicht verfolgt wird – bestehen zu können.
Chinas Rekordproduktion von Integrierten Schaltkreisen
Die South China Morning Post berichtet, dass Chinas Output an Integrierten Schaltkreisen (IC) im Juli mit 31,6 Milliarden Einheiten einen neuen Monatsrekord erreichte. Doch nicht nur im Juli stellte China seine Schlagkraft in der Chip-Produktion unter Beweis: In den ersten sieben Monaten des Jahres produzierte China insgesamt beeindruckende 203,6 Milliarden IC – ein Anstieg von satten 47,3 % gegenüber dem gleichen Zeitraum 2020.
Doch kurz innegehalten: 2020 war das Jahr der pandemiebedingten Produktionseinbrüche. Auch wenn sich Delta-Varianten weltweit ausbreiten, liegt die Vermutung nahe, dass das Wachstum von 47,3 % im IC-Output vor allem eine Folge der stagnierenden Chip-Produktion im Jahr 2020 ist.
Diese Annahme wäre jedoch falsch. Laut Statista hat Chinas IC-Ausstoß in den ersten sieben Monaten 2021 das Gesamtniveau von 2019 bereits um rund 1,8 Milliarden Einheiten übertroffen.
Bleiben die Zahlen für 2021 auf Kurs, wird Chinas IC-Ausstoß das Gesamtvolumen von 2020 um fast 123 Milliarden Stück übertreffen. Dieser Produktionsunterschied zwischen 2020 und 2021 – 123 Milliarden Stück – überragt damit sogar Chinas gesamte IC-Produktion des Jahres 2015. Das zeigt, wie effizient Chinas Halbleiterproduktion 2021 tatsächlich war.
Chinas Automobilindustrie ist nicht immun
Trotz Chinas Rekordleistung bei IC-Produkten lag die Auto-Produktion des Landes im Juli um 15,8 % unter dem Vorjahreswert. Dies belegt die Annahme, dass die Automobilindustrie weiterhin hinter der Unterhaltungselektronik und anderen Technologiebereichen rangiert, wenn es um verfügbare Chip-Kapazitäten geht.
US-Produktion leidet unter internen Querelen
Obwohl Intel und TSMC den Bau neuer Halbleiterfabs in den USA zugesagt haben, werden die Pläne für die neuen TSMC-Fabs in Arizona durch interne Vorstandsstreitigkeiten ausgebremst. Führungswechsel bei TSMC werfen Fragen zur Zukunft der geplanten Fabriken in Arizona auf – weitere Verzögerungen drohen. Wenn die USA mit China Schritt halten wollen, können sie sich derartige Blockaden nicht leisten.
Es gibt jedoch auch positive Nachrichten: Die Gesamtfertigungsleistung der USA stieg im Juli um 1,4 % – nach einem Netto-Minus von 0,3 % im Juni. Insbesondere die Produktion im Bereich Computer und Elektronik legte um 1,1 % zu.
Im Vergleich mit Chinas Zahlen bleibt das zwar gering – ist aber dennoch ein Anfang.
Japans Rolle im Chip-Wettlauf
Die neuen Rekordmeldungen aus China sorgen in Japan für Nervosität. Die pazifische Wirtschaftsmacht geht davon aus, dass die USA weiterhin Milliarden in die Chip-Produktion investieren werden, um mit China zu konkurrieren.
Diese Investitionspläne der USA beunruhigen Japan, weil dadurch der ohnehin schrumpfende japanische Halbleitermarktanteil weiter unter Druck geraten könnte. Laut Reuters ging Japans Anteil am weltweiten Halbleitermarkt in den letzten 30 Jahren durch US- und China-Konkurrenz von rund 50 % auf etwa 10 % zurück.
Der Handelskrieg und sicherheitspolitische Erwägungen, die das Rennen zwischen China und den USA befeuern, verdrängen Japan zunehmend aus dem Zentrum des Geschehens. Dennoch versucht Japan, mitzuhalten.
Japans Strategie sieht vor, sich zum asiatischen Datenzentrum-Hub zu entwickeln. Damit würde die Nachfrage nach Halbleitern massiv steigen und Chiphersteller würden für Fabrikstandorte in Japan gewonnen. Außerdem wurde im Juni ein Maßnahmenpaket beschlossen, um die Versorgung mit Halbleitern für Zukunftstechnologien wie KI, schnelles 5G oder autonome Fahrzeuge abzusichern.
Allerdings hängt der Erfolg heute vom verfügbaren Kapital ab – und hier wird es schwierig, mit den US-amerikanischen, chinesischen oder anderen globalen Wirtschaftsmächten zu konkurrieren. So hat der US-Senat 190 Milliarden US-Dollar für neue Technologien bewilligt, davon 54 Milliarden für die Chip-Produktion. Die Europäische Union plant fast 159 Milliarden Dollar für die Digitalwirtschaft.
Japans Dilemma: Um solche Summen zu investieren, müssten vermutlich wichtige Bereiche wie Gesundheit und Soziales gekürzt werden. Die Pandemie hat jedoch gezeigt: Es nützt wenig, in die digitale Wirtschaft zu investieren, wenn nicht gleichzeitig eine stabile Gesundheits- und Sozialversorgung gewährleistet ist. Japan muss schwierige Entscheidungen treffen.
China im Fokus: Seltene Erden in Afghanistan
Mit dem Machtwechsel der Taliban hat China seine Politik neu ausgerichtet und die Taliban-Regierung anerkannt. Der Grund: Seltene Erden.
Afghanistan verfügt Schätzungen zufolge über Rohstoffvorkommen von 1 bis 3 Billionen US-Dollar an seltenen Erden. Diese Metalle sind essenziell für den Bau kritischer Komponenten in Konsumelektronik wie iPhones, für Automobiltechnologien wie Lithium-Batterien in Elektrofahrzeugen und für militärische Anwendungen wie Lenkraketen.
Die in Afghanistan vorhandenen seltenen Erden werden außerdem in folgenden Anwendungen benötigt:
- Hochleistungskeramik
- Computer
- DVD-Player
- Windkraftanlagen
- Katalysatoren in Automobilen und Raffinerien
- TVs und Monitore
- Beleuchtung
- Laser
- Lichtwellenleiter
- Supraleiter und mehr
China stellt bereits über 85 % der weltweiten seltenen Erden bereit und verfügt außerdem über nahezu zwei Drittel der globalen Reserven.
Afghanistan, das vom Pentagon einst als „Saudi-Arabien des Lithiums“ bezeichnet wurde, könnte für Chinas weitere Dominanz im globalen Halbleiter- und Tech-Wettlauf entscheidend sein.