Was ist Lieferkettenrisikomanagement und warum ist es wichtig?

Unternehmen entwickeln ihr Lieferkettenrisikomanagement weiter, um einer zunehmenden Vielfalt an Störungen standzuhalten – darunter Naturkatastrophen, Cyberbedrohungen und geopolitische Risiken. Aber was bedeutet Lieferkettenrisikomanagement in der Praxis, und lohnt sich sein Einsatz?

Was ist Lieferkettenrisikomanagement und warum ist es wichtig?

Die weltweit anspruchsvollsten Produkte – darunter aus den Bereichen Technologie, Automobil und Biomedizin – erfordern die Beschaffung und das Management von Tausenden einzelner Bauteile, die oftmals aus allen Regionen der Welt stammen. Diese weit verzweigten Lieferketten ermöglichen nicht nur Kosteneinsparungen, sondern eröffnen Unternehmen auch den Zugang zu Ressourcen und Arbeitskräften. Dieses Maß an Spezialisierung hätte Adam Smith beeindruckt. 

Doch so komplex diese modernen Lieferketten sind, so fragil sind sie auch. Nach den durch die COVID-19-Pandemie verursachten Produktengpässen versuchen Unternehmen nun, das gesamte Risikopotenzial ihrer aktuellen Lieferketten nicht nur zu verstehen, sondern auch gezielt zu mindern. 

Glücklicherweise lassen sich solche kostspieligen Unterbrechungen und Risiken begrenzen – und in manchen Fällen sogar ganz vermeiden – durch professionelles Lieferkettenrisikomanagement (SCRM, Supply Chain Risk Management). Doch was genau ist SCRM, und wie hilft es?

Was ist Lieferkettenrisikomanagement?

Im weitesten Sinne ist Lieferkettenrisikomanagement der Prozess, mit dem Unternehmen gezielt Strategien und Maßnahmen einsetzen, um Risiken entlang ihrer Lieferketten zu identifizieren, zu bewerten und zu mindern. 

Für eine erfolgreiche Umsetzung von Lieferkettenrisikomanagement-Strategien führen Unternehmen oft Risikoanalysen durch, um sowohl alltägliche Bedrohungen als auch seltenere, aber dafür potenziell besonders kostspielige Risiken zu verstehen. Während Lieferkettenrisikomanagement überwiegend präventiv ausgerichtet ist, trägt es auch wesentlich zur Resilienz in den Lieferantennetzwerken bei – häufig als „Lieferkettenresilienz“ bezeichnet – indem Unternehmen in die Lage versetzt werden, Kontinuität auch bei unerwarteten Störfällen aufrechtzuerhalten. 

Strategien im Lieferkettenrisikomanagement konzentrieren sich typischerweise auf Bereiche wie Logistik, Cybersicherheit sowie Transparenz- und Sichtbarkeitstechnologien, einschließlich Risiko-Intelligence-Plattformen. Obwohl das zentrale Ziel von SCRM darin besteht, Störungen in der Lieferkette zu minimieren, stärkt das Fachgebiet auch die Beziehungen zu Lieferanten, fördert die Compliance und legt ethische Standards intern wie extern fest und setzt diese durch. 

Warum ist SCRM wichtig? 

Lieferkettenrisikomanagement ist heute unverzichtbar, weil es Unternehmen die nötigen Werkzeuge, Methoden und Technologien an die Hand gibt, um komplexe, internationale Netzwerke effizient zu steuern. Mit SCRM können Unternehmen Engpässe und Schwachstellen erkennen, Prozesse zur Risikominderung implementieren und ausgefeilte Notfallpläne für unvermeidbare Szenarien entwickeln, die den regulären Betrieb gefährden. 

Unternehmen, die SCRM einführen, reduzieren nachweislich die Zahl kostspieliger Unterbrechungen. Das führt in der Regel zu einem effizienteren Geschäftsbetrieb mit weniger schädlichen Schwankungen und zuverlässigeren Gewinnmargen. Die Kosten durch unterbrochene Lieferketten sind keineswegs nur hypothetisch. Im Jahr 2020 befragte The Economist Intelligence Unit (EIU) hunderte Führungskräfte aus verschiedenen Branchen in den USA und Europa und stellte fest, dass Lieferkettenunterbrechungen Unternehmen im Schnitt zwischen 6 und 10 % ihres Jahresumsatzes kosten. (Auch wenn diese Zahlen zum Teil durch die Corona-Krise beeinflusst sein mögen, gab es erhebliche finanzielle Belastungen bereits vor der Pandemie.) Unternehmen, die branchenspezifische Risiken erkennen und in wirksames Lieferkettenrisikomanagement investieren, schützen sich vor massiven Zeit- und Geldverlusten. 

Finanzielle Verluste durch Lieferkettenunterbrechungen sind dabei nur ein Aspekt. Unternehmen, die Schwächen in ihrer Lieferkette offenbaren, setzen auch ihren Ruf aufs Spiel. Wenn Unternehmen es nicht schaffen, ihre Produkte verlässlich zu liefern – unabhängig von den äußeren Umständen oder vom Verschuldensgrad – gefährdet dies die Marke in den Augen ihrer Kunden. Wiederkehrende Störungen können die Kundenzufriedenheit erheblich beeinträchtigen und potenzielle Wechsel zur Konkurrenz fördern. 

Solche Imageschäden sind zwar schwerer quantitativ zu erfassen als unmittelbare Umsatzverluste, können langfristig jedoch mindestens ebenso gravierend sein. Wie die EIU in ihrem Bericht 2020 zusammenfasste: „Firmen berichten ebenso häufig über Reputationsschäden durch Lieferkettenunterbrechungen wie über gestiegene Betriebskosten.“ Mit anderen Worten: Unternehmen, die ihre Lieferkette durch umfassende Lieferkettenrisikomanagement-Strategien absichern, schützen damit nicht nur ihr Produkt, sondern auch die Beziehung zu ihren Kunden und ihre Position im Markt. 

Risiken verstehen, die die Lieferkette beeinflussen 

Wer Risiken bewerten und gezielte SCRM-Strategien entwickeln möchte, muss die wichtigsten Gefahren kennen. Das heutige Risikoumfeld für Lieferketten umfasst eine Vielzahl langjähriger Bedrohungen, die vermutlich niemals ganz ausgeräumt werden können, sowie zwei neuere Herausforderungen, die den ambivalenten Einfluss rasanter technologischer Entwicklungen im Bereich der Logistik zeigen. 

  1. Schwankende Nachfrage

Nachfrageunsicherheiten sind eine seit jeher existente Herausforderung für Unternehmen und ihre Lieferanten. Plötzliche, unerwartete Nachfrageverschiebungen können ganze Lieferketten erschüttern. Zwar lassen sich durch die Analyse historischer Einkaufsdaten und Trendprognosen Nachfrageentwicklungen abschätzen, aber es gibt immer eine Vielzahl an Faktoren, die sich jeglicher Vorhersage und Kontrolle entziehen – etwa neue Konkurrenz auf dem Markt, unvorhersehbare Kundenpräferenzen oder regulatorische Änderungen mit Auswirkungen auf bestimmte Branchen. 

  1. Wetterereignisse und Naturkatastrophen

Auch im Zeitalter von KI, Datenanalytik und Predictive Modelling üben Naturgewalten weiterhin großen Einfluss auf globale Lieferketten aus. Ein prominentes Beispiel: Das Containerschiff Ever Given, das im März 2021 im Suezkanal feststeckte, nachdem starke Winde es quer schoben. In den fast sieben Tagen Blockade wurden laut Schätzungen täglich Waren im Wert von 9,6 Milliarden US-Dollar aufgehalten. 

Laut CDP, einer internationalen Non-Profit-Organisation zur Offenlegung von Umweltauswirkungen, könnten Umweltrisiken, inklusive extremer Wetterereignisse, Unternehmen bis 2026 rund 120 Milliarden US-Dollar kosten. Derartige Bedrohungen müssen zwingend berücksichtigt werden. Viele Prognosen deuten darauf hin, dass der Klimawandel die Auswirkungen von Wettereignissen und Naturkatastrophen auf globale Lieferketten künftig weiter verschärfen wird. 

  1. Geopolitische Konflikte 

Auch wenn sie nicht ganz so unvorhersehbar wie Extremwetter sind, können politische Spannungen, Konflikte und Handelskriege die Lieferkettensicherheit erheblich beeinträchtigen. Die Folgen des Russland-Ukraine-Kriegs sind branchenübergreifend spürbar. Neben der viel diskutierten Reduzierung ukrainischer Agrarexporte liefert die Ukraine rund 50 % des weltweiten Neons – ein entscheidender Rohstoff für die Halbleiterproduktion. 

Die Invasion der Ukraine verdeutlicht, wie moderne bewaffnete Konflikte in einer globalisierten Welt Lieferketten auf unterschiedlichsten Ebenen treffen. 

  1. Bedrohungen der Cybersicherheit

Für Unternehmen mit komplexen Lieferketten und mehreren Lieferantenschichten ist das Risiko eines Cyberangriffs durch Dritte stetig gewachsen. Während große Organisationen meist über ausgefeilte IT-Sicherheitsstrukturen verfügen, sind Kleinunternehmen und niedrigrangige Zulieferer oft weniger gut aufgestellt.

Ein umfassender Überblick über die Sicherheitsprofile sämtlicher Akteure in der eigenen Lieferkette – auch Sub-Tier-Unternehmen – ist daher ein wesentlicher Bestandteil im Lieferkettenrisikomanagement. 

  1. Hardware-Abhängigkeiten

Der anhaltende, kostenintensive Halbleiter-Lieferengpass während der Pandemie zeigt eindrucksvoll, wie ausgeprägte Abhängigkeiten von bestimmten Technologien ganze Lieferketten lähmen können. Da viele Unternehmen branchenübergreifend von einer kleinen Gruppe globaler Halbleiterhersteller abhängig waren, hatten eigentlich lokale Probleme weltweite Auswirkungen mit Umsatzverlusten in Milliardenhöhe. 

Kurzfristig waren die wirtschaftlichen Folgen deutlich spürbar. Im langfristigen Verlauf hat der Engpass westliche Länder zu verstärkten Investitionen in die eigene Halbleiterindustrie motiviert. Die Lehre daraus: Der Bedarf an bestimmten Technologien lässt sich kaum verringern, wohl aber die Resilienz, indem Lieferketten diversifiziert und vertieft werden. 

Strategien im Lieferkettenrisikomanagement – das PPRR-Modell 

Es gibt eine Vielzahl an Lieferkettenrisikomanagement-Strategien, mit denen sich Unternehmen gegen Störungen wappnen können – darunter Stresstests, Lieferkettenmodellierung oder Multi-Sourcing. Das wohl universellste, branchenübergreifend etablierte Modell ist jedoch das PPRR-Modell. PPRR dient als ganzheitliche, strategische Leitlinie für das Risikomanagement in Lieferketten. 

  • Prevention: Entwicklung und Umsetzung umfangreicher Präventionsmaßnahmen, um das Entstehen von Störungen in der Lieferkette so weit wie möglich zu verhindern. 
  • Preparedness: Keine Präventionsstrategie ist vollkommen. Deshalb brauchen Unternehmen mit großen, komplexen Lieferketten einen klaren, detaillierten Notfallplan, der Entscheidungswege und Prozesse im Krisenfall definiert. 
  • Response: Kommt es zu Störungen, ist die effiziente Umsetzung dieses Notfallplans entscheidend. Die Reaktion eines Unternehmens auf eine Lieferkettenkrise beeinflusst maßgeblich das Ausmaß finanzieller und reputationsbezogener Konsequenzen.
  • Recovery: Die Wiederanlaufphase nach Störungen – Ziel ist es, die regulären Betriebsabläufe rasch und mit minimalen Folgewirkungen wiederherzustellen. 

SCRM-Technologien 

Um Risiken in der Lieferkette zu bewerten und zu mindern, benötigen Unternehmen weitreichende Transparenz, aktuelle und umfassende Daten sowie die Fähigkeit, Materialien und Bauteile granular zu analysieren. Diese Anforderungen können nur mit hochmodernen Lieferkettentechnologien erfüllt werden – etwa mit SCRM-Software, Risiko-Intelligence-Plattformen oder Compliance-Lösungen. Im Idealfall dienen solche Produkte als leistungsfähige, zentrale Hubs für sämtliche Daten und Insights zu Lieferanten, Bauteilen und Sub-Tier-Herstellern. 

Wenn Information ein wirksames Mittel gegen Lieferkettenrisiken ist, dann ist SCRM-Software wohl die effektivste Verteidigung – und zugleich Angriffslösung – gegen die Vielzahl potenzieller Störungen, die selbst die sorgfältigsten Unternehmen treffen können.