Die Nexperia-Chipkrise, erklärt

Nexperias Aufnahme in die BIS Entity List und Chinas Exportkontrollen haben eine globale Lieferkettenkrise ausgelöst. Automobilhersteller sehen sich drohenden Chip-Lieferengpässen gegenüber, während die Regierungen der Niederlande und Chinas um Kontrolle ringen.

Die Nexperia-Chipkrise, erklärt

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Die Ereignisse überschlugen sich. Innerhalb weniger Wochen wurde Nexperia aus einem mittelständischen Halbleiterhersteller mit Sitz in den Niederlanden zu einem Unternehmen, das in einen internationalen Konflikt mit politischen und technologischen Spannungen verwickelt ist. Am 29. September veröffentlichte das US-Handelsministerium eine neue Regelung, die den Geltungsbereich der Entity List des Bureau of Industry and Security (BIS) erweitert. Die neue Regelung der Behörde, wie auf der BIS-Website beschrieben, legt fest, dass jedes Unternehmen, das „zu mindestens 50 Prozent im Besitz einer oder mehrerer gelisteter Einheiten auf der Entity List oder der Military End-User (MEU) List ist, selbst automatisch den Beschränkungen der Entity List/MEU List unterliegt“.

Nexperia Crisis Timeline
Eine Zeitleiste der Ereignisse, die zur Nexperia-Chipkrise führten

Nexperia wurde 2019 vom chinesischen Unternehmen Wingtech Technology übernommen und das Technologieunternehmen im Dezember 2024 auf die BIS Entity List gesetzt. Aufgrund der neuen „Affiliates Rule“ des BIS fiel seit dem 29. September auch Nexperia selbst unter den Geltungsbereich der Entity List und unterliegt damit denselben Exportkontrollen wie der chinesische Mutterkonzern. Bereits einen Tag später, am 30. September, versuchte die niederländische Regierung, mit Verweis auf das wenig bekannte Güterverfügbarkeitsgesetz aus der Zeit des Kalten Krieges, die Kontrolle über Nexperia zu übernehmen. Laut der niederländischen Regierung erfolgte diese Maßnahme „aufgrund aktueller und akuter Hinweise“, die eine „Gefahr für den Fortbestand sowie den Schutz wichtigen technologischen Wissens und Know-hows auf niederländischem und europäischem Boden“ darstellten. In Berichterstattungen heißt es, das Vorgehen sei eine Reaktion auf den wachsenden Druck der USA in den vergangenen Monaten. Die Niederlande wiesen diese Behauptungen bislang zurück. 

Weniger als eine Woche später, am 4. Oktober, veröffentlichte das chinesische Handelsministerium (MOFCOM) eigene Exportrestriktionen: Nexperias chinesische Einheit und deren Subunternehmer dürfen keine in China gefertigten Fertigkomponenten und Baugruppen mehr ins Ausland exportieren. Etwa zwei Wochen später forderte die chinesische Geschäftsleitung von Nexperia ihre Mitarbeiter auf, Weisungen aus der niederländischen Firmenzentrale in Nijmegen zu ignorieren. In einem am 19. Oktober an die Öffentlichkeit gelangten Schreiben der chinesischen Geschäftsleitung hieß es, Nexperia sei ein „chinesisches Unternehmen mit Wurzeln in China“ und daher verpflichtet, sich an chinesische Vorschriften zu halten. Weiter forderte der Brief die Mitarbeitenden auf, „äußere Einmischung zu ignorieren“ – ein klarer Verweis auf die niederländischen Übernahmebemühungen. 

Nach dieser Anweisung der chinesischen Nexperia-Geschäftsführung nahmen der niederländische Wirtschaftsminister und sein chinesischer Amtskollege Gespräche auf, um eine beiderseits akzeptable Lösung zu finden, damit Nexperia weiterhin Chips an ausländische Kunden liefern kann. Bis zum 22. Oktober blieb eine Einigung jedoch aus. Im Anschluss an diese Gespräche gab der chinesische Handelsminister Wang Wentao eine Stellungnahme ab, in der er die Niederlande für die drohenden Verwerfungen in der Lieferkette verantwortlich machte. „Die Maßnahmen der niederländischen Seite zu Nexperia Semiconductor haben die Stabilität der globalen Industrie- und Lieferketten erheblich beeinträchtigt“, so Wang. „China fordert die niederländische Seite auf, von einem gesamtwirtschaftlichen Standpunkt auszugehen und die Sicherheit und Stabilität der globalen Industrie- und Lieferketten zu wahren.“

Nexperia arbeitet derweil mit den chinesischen Behörden an einer Freistellungslösung und steht hierzu auch mit nationalen und lokalen Regierungsstellen in Kontakt, um die bestehenden chinesischen Exportbeschränkungen zu adressieren.

Nexperias Rolle in der Automobil-Lieferkette

Nexperia hat beim Liefervolumen für die globale Autoindustrie ein deutliches Übergewicht. Mit einem Umsatz von rund 2 Milliarden US-Dollar (2024) vertreibt der Chiphersteller etwa 60% seines Angebots an Automobilhersteller wie Volkswagen, Toyota, BMW und Mercedes-Benz. Die Firma liefert hierbei nicht die modernsten Automotive-Chips, spielt aber eine überproportional große Rolle bei der Versorgung mit Basischips wie Transistoren und Dioden, auf die sie rund 40% Marktanteil hält.

Wie der Verband der Europäischen Automobilhersteller (ACEA) kürzlich in einer Stellungnahme erklärte, ist Nexperia ein Großserienlieferant für elementare Chips, die essenziell für die elektronischen Steuergeräte in der Bordelektronik von Fahrzeugen sind. „Ohne diese Chips können europäische Automobilzulieferer keine Bauteile und Komponenten fertigen, die sie an die Hersteller liefern müssen“, teilte der Branchenverband mit. 

Folgen für die Lieferkette

Da die meisten Nexperia-Halbleiter in China gefertigt werden, stellen die Exportrestriktionen des chinesischen Handelsministeriums das größte Risiko für globale Lieferketten dar. Diverse Autohersteller schlagen bereits Alarm wegen eines drohenden Chipmangels und damit verbundenen Produktionsstillständen. 

Am Mittwoch, dem 22. Oktober, teilte Volkswagen seiner Belegschaft mit, dass eine Produktionsunterbrechung unmittelbar bevorstehen könnte – ausgelöst durch die Lieferkettenprobleme infolge der Nexperia-Krise. Die deutsche Zeitung Bild zitiert Quellen dahingehend, dass Stillstände bereits für den folgenden Mittwoch, den 29. Oktober, vorbereitet werden. „Angesichts der dynamischen Entwicklung“, so ein Volkswagen-Sprecher gegenüber Reuters, „können kurzfristige Produktionseinschränkungen nicht ausgeschlossen werden.“ 

Einen Tag später, am Donnerstag, dem 23. Oktober, gab die Japan Automobile Manufacturers Association (JAMA) bekannt, dass Nexperia kürzlich japanische Automobilzulieferer über potenzielle Lieferausfälle informiert habe. Nach Aussage von JAMA handelt es sich um Halbleiter, die zentrale Komponenten in Steuergeräten darstellen und deren Knappheit Auswirkungen auf alle JAMA-Mitglieder – darunter Toyota, Honda und Nissan – hätte. 

Automobilverbände artikulieren ihre Bedenken angesichts der eskalierenden Krise teils vehement. „Wenn die Auslieferungen von Automobilchips nicht – sehr schnell – wieder aufgenommen werden, steht die Automobilproduktion in den USA und vielen anderen Ländern still, mit Folgewirkungen in weiteren Branchen“, so John Bozzella, CEO der Alliance for Automotive Innovation (AAI), in einer aktuellen Stellungnahme. „Es hat eine enorme Tragweite. Wir fordern eine rasche Lösung, damit die US- und globale Automobilproduktion gesichert bleibt.“ 

Das europäische Pendant, der Verband der Europäischen Automobilhersteller (ACEA), beschreibt die Situation ähnlich drastisch. Nach Einschätzung des Verbands könnte es Monate dauern, bis europäische OEMs alternative Lieferanten für die aktuell von Nexperia bezogenen Chips finden. Die aktuellen Bestände reichten voraussichtlich nur noch ein paar Wochen. „Wir stehen plötzlich vor dieser alarmierenden Situation“, betonte ACEA-Generaldirektorin Sigrid de Vries in einer aktuellen Stellungnahme. „Wir brauchen jetzt wirklich schnelle und pragmatische Lösungen von allen beteiligten Ländern.“

Empfehlungen von Z2Data

Zur Risikominimierung empfiehlt Z2Data, umgehend Nexperia-Bestände abzusichern und Alternativbauteile zu qualifizieren – mit höchster Priorität für in China produzierte Nexperia-Komponenten. 

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