Die chinesische Regierung hat nach landesweiten Protesten die strikten Zero-Covid-Beschränkungen aufgehoben – aber ist das Land auf diesen Wandel vorbereitet?
Obwohl die Regierung zugesagt hat, mehr für die Steigerung der Impfquote zu tun, hinterlassen die neuen Regelungen laut Angaben von Dr. Siddharth Sridhar, Virologe an der Universität Hongkong, viele Menschen anfällig für eine Infektion. Er erklärt, dass die chinesische Regierung viele Fragen offenlässt, wie die Behörden die unvermeidliche Infektionswelle eindämmen wollen. Weiterhin sagt er: „Wenn sie eine Kursänderung in Erwägung ziehen, müssen sie ihre Abwehrkräfte stärken, denn es kommt ein Sturm.“
Covid-Infektionen und die Zero-Covid-Politik haben bereits verschiedene Störungen der Lieferkette im „Tech-Hub“ Shenzhen verursacht, was Unternehmen veranlasst hat, Druck auf die Regierung zur Lockerung der Beschränkungen auszuüben – aber ist das die Lösung?
Änderungen der chinesischen „Zero-Covid“-Politik
China steht vor einer "sehr schwierigen" Phase beim Abbau der rigiden „Zero-Covid“-Politik und bei der Zulassung eines Lebens mit dem Virus. Dies stellt eine Herausforderung dar, um ausreichend Schutz für die Bevölkerung zu gewährleisten.
Zu den Änderungen der Politik zählen unter anderem:
- P.C.R.-Tests und Gesundheitscodes werden für Reisen zwischen Regionen in China nicht mehr überprüft.
- Massentests finden nur noch in als „Hochrisiko“ eingestuften Gebieten mit bestätigten Infektionsfällen statt.
- Die Pflicht zur stationären Behandlung entfällt; infizierte Personen mit milden Symptomen sowie deren enge Kontaktpersonen können sich nun zu Hause isolieren. Nach fünf Tagen kann eine Freigabe aus der Selbstisolierung mit negativem Testergebnis erfolgen.
- Lokale Behörden können Gebäude bei positiven Fällen abriegeln, dürfen jedoch nicht Bewegungsfreiheit und Geschäftsabläufe außerhalb der als „Hochrisiko“ deklarierten Bereiche einschränken.
Das chinesische Fertigungsmodell
Ein Grund für die Effizienz der chinesischen Fertigung ist die Vielzahl sogenannter “Fabrikstädte” – abgeschlossene Campusgelände mit Fertigungsstätten, Lagerhäusern, Büroflächen und Wohnanlagen im umzäunten Bereich. Diese Campus wurden in den 1990er Jahren in Küstenprovinzen wie Guangdong, Zhejiang und Jiangsu gegründet. Arbeitskräfte wurden aus Binnenprovinzen wie Shanxi, Henan, Hubei und weiteren angeworben, um China zur „Werkbank der Welt“ zu machen.
Ein typischer Campus kann über 10.000 Beschäftigte beherbergen, die in Hochhäusern – oft als Schlafsäle bezeichnet – leben, dazu gibt es separate Unterkünfte für das Management. Große Campus wie Foxconns Longhua Science and Technology Park in Shenzhen zählten zeitweise 270.000 Mitarbeiter auf einer Fläche von einer Quadratmeile.
Als Covid-19 Ende 2019 erstmals in Wuhan auftrat, war jede Fabrik von der hochinfektiösen Krankheit betroffen und wurde zum Ursprungsort sogenannter Superspreader-Ereignisse.
Die Zero-Covid-Politik und Lockdowns, die Reisen und Bewegungen einschränkten, waren zu diesem Zeitpunkt wirkungsvoll und führten nur zu vorübergehenden Störungen in den Lieferketten, die rasch überwunden wurden. China blieb damals verlässlicher Exporteur, während Länder wie Vietnam, Malaysia und Indien unter Infektionswellen litten.
Doch während sich Covid in anderen Teilen der Welt entspannte, war China von Infektionsherden betroffen – die Zero-Covid-Politik führte zu massiven Störungen der Lieferketten im Technologiesektor. Von Shanghai über Kunshan bis Suzhou waren zahlreiche Hersteller und Subassemblies der Technologiebranche betroffen. Dies erhöhte den Druck auf die Regierung, Covid-Maßnahmen zu lockern und führte schließlich zur Lockerung der Beschränkungen.
Potenzielle Störungen der Lieferketten 2023
Mit Blick auf den Kalender und dem chinesischen Neujahrsfest im Januar 2023 sowie der Lockerung der Reisebeschränkungen werden viele Arbeitskräfte nach Jahren erstmals wieder zu ihren Familien reisen und gemeinsam feiern können.
Über 100 Millionen Menschen werden reisen und dann an ihre Arbeitsplätze in den „Fabrikstädten“ zurückkehren. Falls viele Arbeiter krank sind, sind die Kapazitäten zur Quarantäne nicht ausreichend. Ein weiteres Superspreader-Ereignis und weitere Lieferkettenstörungen in China sind daher sehr wahrscheinlich.
Unternehmen sollten ihre Lieferketten diversifizieren, um geografische Abhängigkeiten zu reduzieren und ihre Resilienz zu stärken.