Überblick über Trumps „Liberation Day“-Zölle
Am 2. April 2025 kündigte der US-Präsident Donald Trump seine „Liberation Day“-Zölle an, der umgangssprachliche Name für Executive Order (EO) 14257, die weitreichende neue US-Zollrichtlinien festlegt. Die wichtigsten Auswirkungen dieses EO sind:
- Einführung eines Basis-Importzolls von 10 % auf alle Waren, die in die Vereinigten Staaten eingeführt werden.
- Zusätzliche Zölle auf Länderebene.
Die genauen Zolltarife variieren je nach Land und werden nach einer Formel berechnet, die die Höhe der US-Exporte in ein Land mit den Einfuhren dieses Landes vergleicht. Im Wesentlichen wird so das Handelsdefizit der USA pro Land berechnet – dabei zeigt sich klar: Kleine und aufstrebende Länder, die als Produktionszentren für US-Konsumgüter fungieren, erhalten hohe Zölle, während Länder mit geringer Fertigungstätigkeit und/oder geringem Handelsvolumen mit den USA niedrige Zölle zahlen.
Zölle – Ausgesetzt oder nicht – bleiben ein Risiko
Obwohl die geplanten Zollsteigerungen für alle Länder – mit Ausnahme von China – bis zum 9. Juli 2025 ausgesetzt sind, drohen sie dennoch, das internationale Handelssystem umzukrempeln, auf das die USA seit Jahren angewiesen sind, um günstige Waren für Produktion und Konsum zu importieren.
Das liegt daran, dass viele von den hohen Zöllen laut EO betroffene Länder, darunter Kambodscha (49 %), Vietnam (46 %), Thailand (32 %) und Indonesien (32 %), als beliebte Standorte im Rahmen der „China plus One“-Strategie dienen und günstige Fertigung sowohl in China als auch bei aktiven Alternativlieferanten außerhalb Chinas genutzt werden.
Da nun die Fertigung in China für viele Produkte stark unattraktiv gemacht wird und zahlreiche bewährte Fertigungsalternativen ebenfalls relativ hohe Zölle aufweisen, überdenken viele Unternehmen ihre Planungen künftiger Produktionsstandorte und ihre gesamte Lieferkettenstrategie.
In diesem Beitrag betrachten wir zwei Schlüsselfaktoren, die Unternehmen bei einer Verlagerung von Fertigungsstandorten aufgrund neuer Zölle berücksichtigen müssen – und welche Länder aktuell vom anhaltenden Handelskonflikt am meisten profitieren könnten.
Der Anfang: Zwei wichtige Überlegungen
Um diese Herausforderungen zu meistern, sollten Unternehmen zwei entscheidende Faktoren prüfen, wenn sie ausländische Fertigungsstandorte mit US-Export orientiertem Fokus bewerten: das Zollumfeld und länderspezifische Faktoren. Es gibt natürlich noch weitere Kriterien, doch diese beiden Bereiche bilden einen entscheidenden Teil der Bewertung.
Zolllandschaft: Was ist zu beachten?
Die Umgestaltung der Lieferkette in einem neuen Land ist meist ein teurer, zeitintensiver und personalaufwendiger Prozess. Bevor Unternehmen den Schritt wagen, die Produktion aus Hochzoll-Ländern abzuziehen und in die USA oder andere Staaten zu verlagern, sollten sie Folgendes beachten:
Welche Zölle aktuell auf Ihre Produkte anfallen – wenn überhaupt
Erstens: Prüfen Sie zunächst, ob für die im Ausland gefertigten Güter überhaupt US-Zölle anfallen. Überraschenderweise sind viele kritische Rohstoffe in Branchen wie Elektronik – darunter Halbleiter, Dioden, Transistoren und andere hochspezialisierte elektronische Bauelemente – aktuell von hohen Zollsätzen auf China-Waren ausgenommen. Zudem gelten für zahlreiche weitere Warengruppen branchenspezifische oder herkunftslandbezogene Zollbefreiungen bzw. -erleichterungen. Prüfen Sie genau, ob höherwertige Produkte tatsächlich von Zöllen betroffen sein werden.
Trumps Zölle könnten nur eine kurzfristige Herausforderung sein
Zweitens: Die Dauerhaftigkeit der Zölle – vermutlich der wichtigste Trend der kommenden Jahre – ist für Produktionsverlagerungen ein zentrales Kriterium. Der präsidentielle Handlungsspielraum, auf dessen Basis diese Zölle eingeführt wurden, kann bei einem Regierungswechsel binnen vier Jahren wieder rückgängig gemacht werden. Außerdem sind mehrere Gerichtsverfahren gegen die Liberation Day-Zölle anhängig.
Für viele Unternehmen kann es sich daher als wenig nachhaltig erweisen, langfristige Partnerschaften mit Produzenten in neuen Ländern einzugehen, um Zölle zu umgehen, die bald wieder entfallen könnten. Zusätzlich wurden bereits mehrere Zollprogramme der Trump-Regierung in der Umsetzung verzögert; es ist gut möglich, dass auch die Liberation Day-Zölle über den aktuellen Juli-Stichtag hinaus hinausgezögert werden.
Unternehmen sollten also vorsichtig sein und sowohl die zeitliche Haltbarkeit der Zölle als auch die Möglichkeit einer Reduzierung, Aufhebung oder Verzögerung sorgfältig abwägen, bevor sie Produktionsverlagerungen beschließen.
Jederzeit neue Handelsabkommen möglich
Drittens: Bilaterale Handelsabkommen mit einzelnen Ländern sind jederzeit möglich. Die Trump-Regierung hat bereits ein Handelsabkommen mit Großbritannien geschlossen und verhandelt aktiv mit China. Auch zahlreiche weitere Länder streben laut Regierung eigene Vereinbarungen an. Der Hauptnutzen solcher Abkommen: meist eine Reduzierung der Zölle. Unternehmen mit Risikopotenzial bei Ländern mit hohen Zollsätzen sollten daher abwarten, ob im Zeitraum bis zum 9. Juli ein Abkommen verhandelt werden kann, bevor sie endgültige Standortentscheidungen treffen. Beobachten Sie den Verlauf der Handelsgespräche, die sich auf die Zölle in Ihren aktuellen Produktionsländern auswirken könnten.
Zoll-Neuberechnungen erhöhen Standortwechselrisiko
Viertens: Die Gefahr einer zukünftigen Neuberechnung der Zollsätze stellt ein wesentliches Risiko dar und könnte die Verlagerung der Produktion in ein anderes Land vollkommen zunichtemachen. Obwohl das EO zur Einführung der Liberation Day-Zölle keinen konkreten Zeitplan für Neuberechnungen enthält, hat Trump wiederholt öffentlich erklärt, dass Zölle je nach Handelslage – für einzelne Länder nach oben oder unten – angepasst werden können. Das Unsicherheitsrisiko ist hoch: Länder, die neu in den Fokus als Produktionsstandort rücken, könnten durch künftige Erhöhungen speziell ins Visier geraten – entweder willkürlich oder durch eine periodische Anpassung –, sollte das US-Importvolumen steigen.
Um dieses Risiko zu minimieren, sollten Unternehmen die Total Cost of Ownership (TCO, Gesamtkostenbetrachtung) für geplante Produkte am neuen Standort in die Risikobetrachtung einfließen lassen, sowie Risikotoleranz und Strategie für Zollrisiken nachvollziehbar definieren, bevor eine Produktionsverlagerung erfolgt.
Länderspezifische Faktoren: Was ist zu prüfen?
Unternehmen, die wegen der Zölle ihre Lieferketten neu konfigurieren, müssen die Wahl des Ziellandes sorgfältig abwägen. Eine Rückverlagerung in die USA bietet zwar zahlreiche Vorteile, jedoch ist es in vielen Branchen schwierig, wettbewerbsfähige Produkte für andere Auslandsmärkte gegen Wettbewerber aus klassischen Niedriglohnländern wie China, Vietnam oder Kambodscha herzustellen, die von niedrigen Produktionskosten und günstigen Exportbedingungen profitieren. Sollten die Liberation Day-Zölle dauerhaft bestehen, könnten viele Niedriglohnländer stärker vom neuen Handelsumfeld und vergleichsweise niedrigen US-Zollsätzen profitieren.
10 % könnten die neue Import-Kostenbasis werden
Falls zukünftig für Produkte aller Länder weltweit (sofern keine Abkommen oder Ausnahmen greifen) pauschal ein Basistarif von 10 % bei US-Importen gilt, wird sich die effektive Importkostenbasis entsprechend verschieben. Für Produkte aus Ländern mit 10 %-Satz oder nahe daran gilt dann, dass sie zum niedrigstmöglichen Satz eingeführt werden – sofern keine Ausnahmen greifen. Die Herausforderung für Unternehmen besteht darin, Produktionsländer mit vergleichbarem Fertigungsprofil zum aktuellen Standort zu identifizieren, dabei aber von günstigen Lohnkosten und etablierten lokalen Fertigungsstrukturen zu profitieren.
Welche Länder könnten größte Gewinner der Trump-Zölle werden?
Wie oben erwähnt, gibt es weit mehr Überlegungen als nur den Zollsatz, wenn Unternehmen einen Produktionsstandortwechsel planen. Z2Data bewertet 10 länderspezifische Kriterien – beispielsweise Kreditwürdigkeit, militärisches Konfliktrisiko, „Ease of Doing Business“ und politische Stabilität – zusammen mit Stadt- und Regionseigenschaften wie Extremwetter oder Gesundheitsrisiken, um eine umfassende Standortbewertung für Fertigungsentscheidungen zu liefern.
Schlüsselkriterium bei der Auswahl des neuen Landes für Produktionsaktivitäten bleibt:
- Wahl eines Standorts, an dem die Stabilität der Lieferkette gewährleistet werden kann
- Länder mit bereits funktionierenden Lieferketten-Strukturen und einem lokal vorhandenen Ökosystem an Sub-Tier-Lieferanten zur Unterstützung komplexer Fertigungsprojekte
Im Folgenden sind einige Länder aufgelistet, die nach Z2Datas Country Risk Score (Risiko-Score für Standorte) und den zugehörigen Liberation Day-Tarifdaten (Stand 23.05.2025) voraussichtlich von Trumps Zollpolitik profitieren werden.
Brasilien (US-Zollsatz: 10 %)
Apple hatte bereits angekündigt, die Fertigung seiner iPhone 16e-Modelle nach Brasilien zu verlagern, zahlreiche Automobilhersteller produzieren dort ohnehin schon. Nach Z2Data gilt Brasilien als Mittelrisiko wegen Herausforderungen bei politischer Stabilität, Arbeitsrechten und dem Geschäftsumfeld. Allerdings besteht für viele brasilianische Städte nur ein geringes Naturkatastrophen- und Stromausfall-Risiko, was zu stabileren Fertigungsbedingungen beiträgt.
Mexiko (US-Zollsatz: zollfrei, abhängig von Produkt und Herkunftsland)
Zahlreiche US-Unternehmen nutzen Mexiko bereits als kostengünstige „Nearshoring“-Option. Durch das US-Mexico-Canada-Agreement (US.MCA) besteht Zollfreiheit für in Mexiko produzierte Waren beim Export in die USA. Für viele Unternehmen ist es daher attraktiv, Endmontage und Produktion nach Mexiko zu verlagern, um von dieser Regelung zu profitieren.
Nach Z2Datas Country Risk Score liegt Mexiko im Bereich Mittelrisiko. Es gibt geringe Risiken bei Cybersecurity und militärischen Konflikten, während politische Stabilität, Inflation und die Kreditwürdigkeit herausfordernd bleiben. Viele mexikanische Städte weisen laut Z2Data nur geringe Risiken durch Umweltereignisse oder Betriebsunterbrechungen auf, was tendenziell für stabile Produktionsbedingungen spricht.
Malaysia (US-Zollsatz: 24 %)
Trotz des mehr als doppelt so hohen Satzes von 24 % gegenüber dem 10 %-Basissatz verfügt Malaysia über einen etablierten und wachsenden Elektronikfertigungssektor, was für Unternehmen aus der Region einen Wechsel weniger aufwändig macht. Nach Z2Datas Country Risk Score gilt Malaysia als Mittelrisiko aufgrund der Risiken durch Überschwemmungen und Arbeitsrechte, überzeugt jedoch bei Geschäftsumfeld, Cybersecurity und vergleichsweise geringen wetterbedingten Störungen im internationalen Vergleich.
Marokko (US-Zollsatz: 10 %)
Vor Einführung der Liberation Day-Zölle war Marokko eines der wenigen Länder mit Freihandelsabkommen sowohl mit China als auch mit den USA und wurde schon länger von europäischen Unternehmen wegen niedrigerer Arbeits- und Energiekosten als Fertigungsstandort gewählt. Inzwischen ziehen Fertigungsinvestitionen aus aller Welt nach Marokko. Der nordafrikanische Staat wird von Z2Data ebenfalls als Mittelrisiko eingestuft. Politische Stabilität und Geschäftsumfeld bergen Risiken, doch Unternehmen profitieren nach Analysen von Z2Data von geringen Naturkatastrophen- und Standortunterbrechungs-Risiken laut Ereignis-Monitoring.
Fazit
Dies sind nur einige der potenziellen Niedrigkosten-Alternativen für Unternehmen, die alle Optionen ausschöpfen müssen, um sowohl auf dem US- als auch dem Weltmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben. Je nach individueller Situation können jedoch zahllose weitere Länder infrage kommen.
Z2Data bietet Werkzeuge wie Supplier Insights und Supply Chain Watch, mit denen Unternehmen ihre Lieferketten kontinuierlich auf neue Risiken überwachen sowie potenzielle Länder und Lieferanten anhand einer Vielzahl von Kriterien bewerten können. Ob Sie auf Zollveränderungen reagieren, geopolitische oder Naturkatastrophen-Risiken bewerten oder neue Beschaffungsoptionen zur Steigerung Ihrer Resilienz identifizieren möchten – Z2Data liefert Ihnen die notwendigen Daten, um fundierte Entscheidungen für Ihre Lieferkette zu treffen.
Mehr darüber, wie Z2Data Sie bei der Auswahl von Ländern oder Lieferanten für geeignete Fertigungsstandorte unterstützen kann, erfahren Sie, indem Sie eine kostenlose Testversion vereinbaren.