Der Nexperia-Eigentümerstreit beherrscht seit drei Wochen die Schlagzeilen, da der niederländische Chip-Hersteller weiterhin im Mittelpunkt eines Konflikts zwischen China und den Niederlanden steht. Nachdem die niederländische Regierung versuchte, mithilfe des nationalen Goods Availability Act die Kontrolle über Nexperia zu übernehmen, reagierte das chinesische Handelsministerium mit Exportkontrollen für Nexperia-Fabriken in China, wo der Großteil der Produktion stattfindet. Diese Gegenmaßnahme führt nun zu einer bevorstehenden Lieferkettenkrise: Führende OEMs (Originalgerätehersteller), die auf Nexperias Chips angewiesen sind, sehen sich plötzlich mit Engpässen konfrontiert und stehen vor möglichen Produktionsstopps.
Ende Oktober versuchen große Hersteller wie Volkswagen, Volvo, Toyota und Honda weiterhin, die Auswirkungen dieses internationalen Machtkampfs auf ihre Lieferketten zu bewältigen. Gleichzeitig haben kleinere Unternehmen ohne weltweite Bekanntheit mit ähnlichen Beschaffungsproblemen zu kämpfen.
Wir haben mit Z2Data-CEO Mohammad Ahmad über diese Entwicklungen und die außergewöhnlichen Umstände gesprochen. Ahmad teilte mit uns seine Einschätzungen zu diesem sich anbahnenden Halbleiter-Engpass.
F: Neben der Automobilindustrie – welche Branchen sind noch von diesem Nexperia-Vorfall betroffen?
Ahmad: Jede Branche, die Halbleiter einsetzt, ist in gewissem Maße betroffen. Nexperia ist ein wichtiger Akteur im Bereich MOSFETs und Leistungsmanagement-ICs und damit essenziell für viele Lieferketten.
Nexperia vertreibt Tausende Produkte. Diese Krise betrifft somit weitaus mehr Branchen als nur die Automobilindustrie, auch wenn diese derzeit am meisten im Fokus steht.
F: Denken Sie, dass diese gesamte Krise langfristige Auswirkungen auf Lieferketten und/oder auf die Teilebeschaffung haben wird?
Ahmad: Auf jeden Fall. Ich glaube, vielen wird jetzt klar, wie wichtig es ist, Lieferketten vollständig abzubilden. Man muss wissen, wer die eigenen Lieferanten sind, welche Teile sie liefern und wo diese gefertigt werden. Nur mit diesen drei Informationen bekommen Sie ein klares Bild der potenziellen Risiken.
Ich gehe davon aus, dass dieses Ereignis Unternehmen dazu bringen wird, Lieferantenrisiken vor der Teilebeschaffung künftig noch umfassender zu bewerten. Die Lieferantenauswahl wird ein noch entscheidenderer Baustein im Risikomanagementprozess.
F: Gab es in der Vergangenheit ähnliche Beispiele für Engpässe in Lieferketten?
Ahmad: Zunächst möchte ich klarstellen: Ich sehe diesen Fall nicht als einen Industrie-Engpass. Ein Engpass bedeutet üblicherweise, dass keine Alternativen mehr vorhanden sind. So denke ich beispielsweise an den Vorfall in der Spruce-Mine in North Carolina im letzten Jahr oder Chinas Restriktionen bei Seltenen Erden. In solchen Fällen gibt es tatsächlich keine Alternativen – der Zugang zu Mineralien oder zum wichtigsten Produzenten im Produktlebenszyklus ist unterbrochen. Dann ist Schluss.
Bei Nexperia handelt es sich jedoch nicht um einen industrieweiten Engpass, da es von qualifizierten Lieferanten Alternativbauteile gibt. Auf Unternehmensebene kann es aber sehr wohl zu einem Engpass werden, wenn Unternehmen ihre Abhängigkeiten von Nexperia nicht vorausschauend gemanagt haben.
Wie gravierend der Engpass letztendlich ist, hängt davon ab, wie gut ein Unternehmen seine eigene Lieferkette kennt. Wer proaktiv Alternativen und Zulieferer qualifiziert hat, muss bei einem Vorfall deutlich weniger Schritte gehen als ein Unternehmen, das keinerlei Vorarbeit geleistet hat – insbesondere wenn nicht einmal klar ist, wie Nexperia-Bauteile in den aktuellen Produktlinien genutzt werden.
F: Wie gravierend ist die Lage für Unternehmen, die von Nexperia abhängig sind?
Ahmad: Entscheidend ist, ob das Unternehmen Prozesse und Systeme eingerichtet hat, um auf solche Probleme zu reagieren. Selbst das proaktivste Unternehmen muss Maßnahmen gegen seine Abhängigkeit von Nexperia treffen. Kein Unternehmen kann es vermeiden, hier aktiv zu werden.
Allerdings ist die Geschwindigkeit und Sicherheit in der Entscheidungsfindung sehr unterschiedlich – je nach getroffenen Vorbereitungen.
Hat ein Unternehmen Daten zentral gebündelt, seine Lieferkette abgebildet und rechtzeitig nach Alternativen gesucht, ist die Auswirkungsbeurteilung und die Beantwortung zentraler Fragen wie „Wie hoch sind meine Lagerbestände? Was muss ich beschaffen? Welche Alternativen sind bereits qualifiziert? Wie lässt sich die Situation steuern?“ für dieses Unternehmen vergleichsweise einfach.
Ein Z2Data-Kunde sagte uns: „Ich konnte heute Nacht ruhig schlafen, weil ich dank Ihres Tools die möglichen Auswirkungen der Nexperia-Krise sofort erkannt habe.“ Der Kunde hatte die nötigen Informationen, um seine Lieferkette rechtzeitig zu schützen.
Unternehmen ohne diese Vorarbeit befinden sich vermutlich in einer sehr schwierigen Lage. Sie stellen sich Fragen wie: „Wo genau ist die Lücke? Was muss ich absichern? Gibt es Alternativen?“ Hauptfokus: Materialbeschaffung – was keineswegs einfach sein wird.
F: Warum wird das nicht einfach?
Ahmad: Unsere Daten zeigen, dass Broker sehr schnell Nexperia-Lagerbestände aufgekauft haben. Das ist Teil des Spiels. Sie wissen, dass manche Unternehmen in dem Moment, in dem das tatsächliche Ausmaß und der Handlungsbedarf erkannt werden, bereits in einer schwierigen Lage sind.
F: Was können Unternehmen angesichts dieser Lage jetzt tun, um gegenzusteuern?
Ahmad: Zunächst müssen Unternehmen wissen, wo sie betroffen sind. Die Lücken identifizieren – beginnend mit den wichtigsten Teilen in den wichtigsten Produktlinien – und für jeden Engpass gezielt Maßnahmen einleiten.
Unternehmen, die es bislang noch nicht getan haben, sollten jetzt ihre Lagerbestände prüfen. Sie müssen wissen, wie viel zur Verfügung steht — davon hängt ab, wie viel Zeit sie für die Suche nach Alternativen haben.
Im nächsten Schritt sollten Alternativbauteile von bereits qualifizierten Lieferanten genutzt werden. Sind diese nicht vorhanden, muss unverzüglich mit der Suche begonnen werden. Die Qualifizierung von Lieferanten dauert Monate – in solchen Situationen fehlt Unternehmen aber meist diese Zeit, insbesondere, wenn sie überrascht wurden.
Redesign sollte immer die letzte Option sein. Aber Unternehmen, die bereits zwei bis drei Tage Vorsprung gewinnen, erzielen einen enormen Vorteil. Die Reaktionsgeschwindigkeit hängt davon ab, wie proaktiv ein Unternehmen agiert hat.
F: Wie können sich Unternehmen positionieren, um bei solchen Lieferketten-Bedrohungen reaktionsfähig zu bleiben?
Ahmad: Das Wichtigste ist, echte Transparenz in der Lieferkette zu erreichen. Das bedeutet für mich nicht nur, Standorte zu erfassen, sondern genau zu verstehen, wer die eigenen Lieferanten sind, wie die Eigentümerstrukturen aussehen und wo die eigenen Teile produziert werden.
Transparenz auf Bauteilebene heißt, genau zu wissen, wo die eigenen Teile gefertigt werden, ob Alternativbauteile verfügbar sind und wer diese liefert, sowie ob es in diesen Ketten potenzielle Engpässe gibt.
Es geht nicht nur um einzelne Informationen – entscheidend ist, die Zusammenhänge zu verstehen: Wie stehen Lieferanten, Bauteile und Produktionsstandorte zueinander? Beispielsweise möchten Sie nicht einen Alternativlieferanten für ein kritisches Bauteil wählen, der in Wirklichkeit eine Tochter Ihres Hauptlieferanten ist.
Kontextbezogenes Wissen ist die unerlässliche Grundlage, um Vorfälle wie die Nexperia-Krise zielführend zu managen.
F: Hätten Nexperias Kunden diese Entwicklung vorhersehen können?
Ahmad: Ich denke schon. Sieht man sich den Verlauf an: Wingtech hat Nexperia 2018 übernommen. Damals gab es noch keine Anzeichen für Probleme – es war die frühe Phase des Handelskriegs zwischen den USA und China.
Aber im vergangenen Jahr wurde Wingtech auf die BIS Entity List gesetzt. Und bereits Anfang dieses Jahres wurde in den USA über die 50%-Regel gesprochen. Schon im April und Juni gab es entsprechende Gerüchte. Selbst unsere Kunden haben uns dazu gefragt. Ein Unternehmen, das seine Abhängigkeiten von Nexperia kannte und aufmerksam die Nachrichten verfolgt hat, hätte die Risiken rechtzeitig bewerten und sich auf die Umsetzung der BIS Affiliates Rule vorbereiten können.
F: Abschließende Gedanken?
Ahmad: Ungewissheiten wird es immer geben. Wer heute, im nächsten Jahr – und in zehn Jahren – bestehen will, muss sich auf mehr Unsicherheiten einstellen, nicht auf weniger.
Die Situation rund um Nexperia ist bedauerlich, aber ich glaube kaum, dass dies das letzte Ereignis dieser Art ist. Es gibt immer mehr Risiken in den Lieferketten, und Unternehmen müssen hier gegensteuern, indem sie ihre Risikomanagementstrategie überdenken und Transparenz in den Fokus rücken.
Es gibt viele Wege hierzu, aber der wichtigste Schritt ist eine solide Datenbasis. Z2Data hilft Unternehmen dabei, ihre Daten mit unserer umfassenden Datenbank zentral auf einer Plattform zu integrieren. Unsere Datenbank bietet ihnen in Echtzeit Einblicke zu Lieferanten, Bauteilen und Fertigungsstätten – damit die nötige Transparenz entsteht, um Risiken wie den bei Nexperia frühzeitig zu erkennen und zu minimieren, bevor es zur Unterbrechung kommt.
Mit unserem Tool lässt sich in wenigen Minuten (statt Wochen oder Monaten) feststellen, welche Unternehmen neu auf der BIS Entity List stehen, welche Teile im eigenen BOM von einem sanktionierten Lieferanten betroffen sind und welche Alternativen von anderen sofort zur Verfügung stehen.