Wenn es um die Konzeption von Lieferkettenrisiken geht, konzentrieren sich viele von uns auf spektakuläre Ereignisse wie die COVID-19-Pandemie, Angriffe auf die Schifffahrt durch Huthi-Rebellen oder Naturkatastrophen, die ganze Branchen lahmlegen. Während diese großflächigen Störungen ernsthafte Bedrohungen für Lieferketten darstellen, stammen viele Risiken aus subtileren Quellen – insbesondere von Lieferanten und Subtier-Herstellern. Diese weniger sichtbaren Schwachstellen können dennoch erhebliche Probleme verursachen, wie Lieferengpässe bei Bauteilen, Compliance-Verstöße, Datenpannen und Reputationsschäden.
Die Risiken, die in Lieferanten stecken, sind nicht immer sofort erkennbar, da Hersteller sich gerne als stabile Partner präsentieren. Unternehmen können jedoch auf wichtige Warnsignale achten, die auf zugrunde liegende Risiken hindeuten. Einige Hinweise sind offensichtlich, andere erfordern eine eingehendere Prüfung, bieten aber wertvolle Einblicke in die Geschäftspraktiken, Sicherheitsstandards und die Einhaltung internationaler Normen eines Lieferanten.
In diesem Artikel betrachten wir vier Anzeichen dafür, dass ein Lieferant ein potenzielles Risiko für Ihr Unternehmen darstellen kann.
1. Mangelnde Transparenz
Der Umfang der Informationen, die Hersteller verfolgen, pflegen und weitergeben müssen, ist in den letzten zehn Jahren exponentiell gestiegen. Wie die Harvard Business Review in einem Artikel von 2019 erklärte,
„Unternehmen stehen unter Druck von Regierungen, Verbrauchern, NGOs und weiteren Stakeholdern, mehr Informationen über ihre Lieferketten preiszugeben; die Reputationskosten bei Nichterfüllung dieser Anforderungen können erheblich sein.“ Je nach Branche, rechtlichen Vorgaben und öffentlicher Aufmerksamkeit stehen Unternehmen heute zunehmend unter dem Druck, Daten zu Energieverbrauch, CO2-Emissionen, fairer Bezahlung, Einhaltung des Arbeitsrechts oder zur ethischen Praxis ihrer Lieferkettenpartner offenzulegen.
Für viele Unternehmen ist es nicht mehr möglich, diese neuen Anforderungen an das Lieferketten-Reporting alleine zu erfüllen. Vieles hängt von der Transparenz und Kooperationsbereitschaft ihrer Lieferanten ab, wenn es um ESG (Environmental, Social, Governance), Nachhaltigkeit und weitere wichtige Berichtskategorien geht. Zusammenarbeit mit Herstellern, die durch mangelnde Transparenz auffallen, erschwert die Erfüllung dieser Pflichten erheblich. Darüber hinaus können solche Partnerschaften langfristig zu materiellen Problemen führen – etwa regulatorischen Schwierigkeiten, Defiziten bei der Lieferkettensorgfaltspflicht und einem beschädigten öffentlichen Image. Diese Konsequenzen werden angesichts immer strengerer Berichtsanforderungen durch Regierungen und internationale Organisationen in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen.
Das Versäumnis, kritische Lieferketteninformationen für Behörden und die Öffentlichkeit zu beschaffen, ist aber nicht die einzige negative Folge, die mit intransparenten Herstellern verbunden ist. Lieferanten, die Anfragen zu Daten nicht beantworten oder sich weigern, relevante Unterlagen vorzulegen, könnten bewusst schwerwiegende Probleme verbergen, die weit über die normale Sorgfaltspflicht hinausgehen. Solche geheimniskrämerischen Unternehmen könnten etwa angespannte Finanzlagen, Beziehungen zu unseriösen oder gar sanktionierten Subtier-Lieferanten oder Menschenrechtsverletzungen – intern oder tiefer in der Lieferkette – verschleiern.
In jedem Fall ist mangelnde Transparenz für Unternehmen mindestens eine logistische Herausforderung. Im schlimmsten Fall deutet sie auf tieferliegende Probleme hin – mit dem Potenzial, nicht nur die eigene operative Stabilität und Regeltreue, sondern auch die ihrer Kunden zu gefährden.
Was mangelnde Transparenz bedeuten kann
- Unzureichende oder mangelhafte Lieferkettensorgfaltspflicht.
- Regulatorische Probleme.
- Schwache Dokumentations- und Nachweispflichten.
- Bewusste Verschleierung der eigenen Lieferanten.
- Mögliche Menschenrechtsverletzungen.
2. Keine öffentlich verfügbaren ESG-Daten
Zahlreiche aktuelle Szenarien und Statistiken belegen, wie immer mehr Hersteller und Unternehmen über die ESG-Säulen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung berichten. Ein Bericht der International Federation of Accountants aus dem Jahr 2023 ergab, dass 95 % der großen internationalen Unternehmen inzwischen jährlich ESG-Informationen offenlegen. Fast zwei Drittel davon holen für zumindest einen Teil der Daten eine externe Prüfung ein.
Vorerst erfolgen diese ESG-Berichte meist freiwillig. Doch eine globale Welle neuer Nachhaltigkeitsregulierungen wird schon bald viele dieser Berichtskategorien zur Pflicht für betroffene Unternehmen machen. Frameworks wie die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD), die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) oder die Klima-Reporting-Vorgaben der amerikanischen SEC (Securities and Exchange Commission) – alle noch in der Einführungs- oder abschließenden Genehmigungsphase – werden die Nachhaltigkeitsberichterstattung für viele Großunternehmen zum Standard machen. Mit fortschreitendem Jahrzehnt und wachsendem Anwendungsbereich dieser Vorgaben werden auch viele kleinere Unternehmen ähnliche Anforderungen im Rahmen der Sorgfaltspflicht erfüllen müssen.
Für Unternehmen, die ihre ESG-Berichte kontinuierlich ausbauen und sich auf neue regulatorische Vorgaben vorbereiten, stellen Lieferanten, die keinerlei Nachhaltigkeitsdaten veröffentlichen, ein erhebliches Hindernis dar. Viele Berichtskategorien – darunter Lieferkettensorgfaltspflicht, Verbote zu Zwangsarbeit und Scope-3-Emissionen – erfordern Lieferantendaten. Wenn Lieferanten keine ESG-Informationen offenlegen, ist anzunehmen, dass sie diese intern nicht erfassen und Kunden somit erhebliche Datenlücken drohen. Unternehmen, die mit Herstellern ohne offene ESG-Daten arbeiten, bringen sich in eine schlechte Ausgangsposition für eine nahende Zukunft, in der Nachhaltigkeitsberichterstattung für einen Großteil der Unternehmen verbindlich sein wird.
Entscheidend ist, nicht nur auf die aktuellen Offenlegungspflichten zu schauen – oder jene, die in sechs oder zwölf Monaten in Kraft treten. Firmen müssen frühzeitig den Zugang zu relevanten Lieferkettendaten sicherstellen, um für rigorosere und umfassendere Regulierungen gewappnet zu sein, die in diesem Jahrzehnt und darüber hinaus mit hoher Wahrscheinlichkeit eingeführt werden.
Was fehlende ESG-Berichterstattung bedeuten kann
- Fehlende interne Nachhaltigkeitsbilanzierung.
- Schwache ESG-Leistung.
- Kein Investment in notwendige Erfassungs- und Reportingtools.
- Geringes Interesse an Umwelt- und Sozialthemen, etwa Treibhausgasemissionen (GHG), Dekarbonisierung und ethischem Umgang mit Mitarbeitenden.
- Mögliche Defizite in der Unternehmensführung.
3. Fehlende wichtige Branchenzertifizierungen
Unabhängige, von Drittanbietern ausgestellte Zertifikate sind ein Weg, wie Unternehmen ihre Glaubwürdigkeit in der Branche belegen können. Zertifikate bekannter Organisationen zeigen das Bekenntnis zu höchsten Branchenstandards, kontinuierlicher Prozessoptimierung und Qualitätsanspruch. In der Elektronikindustrie sind einige besonders relevante Zertifizierungen verbreitet, von denen viele von der International Organization for Standardization (ISO) entwickelt werden:
- ISO 9001
- ISO 14001
- ISO 27001
- AS9120 (Managementsystem für Qualitätsanforderungen, entwickelt von der Society for Automotive Engineers speziell für die Luft- und Raumfahrtindustrie).
Fehlende Branchenzertifizierungen sind ebenso aussagekräftig wie deren Vorhandensein: Hersteller, die Zeit, Geld und Anstrengung nicht investieren, um bei ISO, SAE und anderen Verbänden die wichtigsten Zertifikate zu erwerben, senden potenziellen Kunden das Signal, Best-Practice-Standards nicht ernst zu nehmen.
Oft deutet das Fehlen von Zertifizierungen auf mehr als nur mangelndes Engagement für Branchenstandards hin: Unternehmen vermeiden vielleicht den Drittanbieter-Audit, weil ihnen bewusst oder zumindest sehr wahrscheinlich ist, dass ihre Prozesse den geltenden Normen nicht entsprechen.
Unabhängig vom Motiv gilt: Lieferanten, die auf relevante Branchenzertifizierungen verzichten, sollten grundsätzlich als risikobehaftet eingestuft werden.
Was fehlende Branchenzertifizierungen bedeuten kann
- Nicht-Konformität mit Branchenstandards und Best-Practices.
- Mangel an finanziellen Mitteln und/oder Personal.
- Fragwürdige oder unzuverlässige interne Abläufe.
- Möglicherweise kein umfassendes Qualitätsmanagementsystem.
4. Laufende regulatorische und rechtliche Probleme
Unternehmen, die gegen Umweltauflagen oder Handelssanktionen verstoßen oder anderweitig mit Gesetzen in Konflikt geraten, setzen sich schweren Konsequenzen aus. Dazu gehören Bußgelder, finanzielle Strafen, Gerichtsverfahren und zivilrechtliche Haftungsrisiken. Verstöße gegen rechtliche Vorgaben oder „Abkürzungen“ im Rechtskontext schädigen zudem Glaubwürdigkeit und Ruf – sowohl bei Kunden als auch in der Öffentlichkeit.
Für Firmen, die auf zahlreiche Hersteller für ihre Lieferkette angewiesen sind, ist es entscheidend, die vollen Auswirkungen und Folgerisiken zu kennen, falls einer dieser Hersteller gegen Gesetzte verstößt. Lieferanten, die bereits bei einer Verordnung versagt haben, tragen zudem ein erhöhtes Risiko, auch bei anderen Vorschriften zu scheitern. Wiederholte Nicht-Konformität kann
dazu führen, dass Kunden unwissentlich nicht konforme Bauelemente, Baugruppen oder Waren beziehen. Zudem sind Hersteller, die in langwierige Rechtsstreitigkeiten verwickelt sind, besonders anfällig für Insolvenz und finanzielle Schwierigkeiten – Faktoren, die die zuverlässige Beschaffung massiv beeinträchtigen können.
Welche Folgen rechtliche Auseinandersetzungen oder Compliance-Probleme für einen Lieferanten und seine Geschäftskunden im Detail haben, ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Fest steht jedoch: Sie bringen auf jeden Fall ein erhebliches Risiko für Geschäftspartner mit sich.
Was rechtliche und Compliance-Probleme bedeuten kann
- Weitere unentdeckte illegale oder nicht-konforme Aktivitäten.
- Mangelhafte interne Standards und Qualitätsmanagement.
- Defizite bei Governance und Compliance-Strukturen.
- Finanzielle Verwundbarkeit.
- Unethische Geschäftspraktiken.
Wie Lieferkettentransparenz Unternehmen bei der Erkennung von Warnsignalen und wirksamem Risikomanagement unterstützt
Bei der Auswahl von Lieferanten und dem Aufbau von Lieferkettenbeziehungen haben Unternehmen stets die Möglichkeit zu umfassenden Risikoanalysen und zugehörigen Sorgfaltspflichten. Doch nicht immer stehen die technischen Mittel oder die volle Transparenz zur Verfügung, um potenzielle Lieferanten vollständig zu durchleuchten. Dennoch lassen sich wichtige Hinweise auf das übergeordnete Risikoprofil eines Unternehmens sorgfältig erkennen und deuten.
Für manche Unternehmen reicht das Vertrauen auf diese „Risikoproxys“ nicht aus. Wer finanzielle, regulatorische, ESG- und Cyber-Sicherheitsfaktoren potenzieller Lieferanten noch tiefer analysieren möchte, profitiert deutlich von einer Lieferkettenrisikomanagement-Plattform (Supply Chain Risk Management, SCRM).
Z2Data, eine der führenden SCRM-Lösungen für Hersteller und Unternehmen der Elektronik-Lieferkette, bietet detaillierte Profile zu über 150.000 Lieferanten, Herstellern und weiteren Firmen. Diese Profile enthalten proprietäre Risiko-Scorecards, die Unternehmen anhand einer Vielzahl von Kriterien bewerten – darunter geopolitisches Risiko, Insolvenzanfälligkeit, Handels-Compliance und ESG-Leistung.
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