Wie Unternehmen die Kunst des „Tarif-Engineerings“ meistern

Hersteller, die die steuerlichen Abgaben für importierte Waren senken möchten, sollten sich mit einer neuen Strategie vertraut machen, die sich 2025 rasch zu einer entscheidenden Maßnahme im Risikomanagement entwickelt: „Tarif-Engineering“.

Wie Unternehmen die Kunst des „Tarif-Engineerings“ meistern

Artikel-Highlights:

  • Tarif-Engineering ist ein strategischer Ansatz, verschiedene Elemente eines Produkts gezielt anzupassen, um einen niedrigeren Zollsatz zu erzielen. 
  • Eine etablierte Strategie, die Unternehmen nutzen, um ihre Zollverpflichtungen zu reduzieren, ist die Anpassung der Herstellungsprozesse ihrer Importe, um das offizielle Herkunftsland (COO, Country of Origin) zu ändern. Dies kann auf verschiedene Weise erfolgen, erfordert jedoch in der Regel eine enge Zusammenarbeit zwischen Sourcing-, Design- und Engineering-Teams. 
  • Unternehmen versuchen nun, argumentativ durchzusetzen, dass das Herkunftsland bestimmter Importe auf ein Land gewechselt wird, das nach ihrer Ansicht den letzten Ort der wesentlichen Verarbeitung („substantial transformation“) darstellt. Ziel ist stets ein Land mit einem niedrigeren Zollsatz. 

Das jüngste Handelsabkommen zwischen den USA und China stellt eine deutliche Entspannung im anhaltenden Konflikt zwischen den beiden Wirtschaftsmächten dar und bedeutet für viele amerikanische Unternehmen mit hoher Einfuhrsteuerbelastung eine wichtige Erleichterung. Auch wenn dreistellige Zollraten und die damit verbundene Entkopplung—zumindest vorerst—vom Tisch sind, bleibt die Vielzahl bestehender Zölle weiterhin eine erhebliche Herausforderung. 

Selbst nach der Absenkung der Zölle auf chinesische Importe von 145 % auf 30 % hält die US-Regierung laut Yale’s Budget Lab mit durchschnittlich 17,8 % den höchsten Zollsatz seit 1934. Für amerikanische Hersteller mit globalen Lieferketten bedeutet dies, dass die Entwicklung und Umsetzung wirksamer Strategien zur Zollsenkung weiterhin betriebliche Priorität hat. Eine Möglichkeit, Importzölle zu senken, ohne die gesamte Produktion radikal umzustellen—etwa durch Rückverlagerung (Onshoring) in die USA—ist das sogenannte „Tarif-Engineering“. 

Tarif-Engineering ist ein dynamischer und vielschichtiger Ansatz, um das Ziel—niedrigere Importkosten für Ihr Unternehmen—über verschiedene Wege zu erreichen. 

Was ist Tarif-Engineering?

Tarif-Engineering steht für ein einfaches Konzept mit großer Wirkung: Durch gezielte Anpassung verschiedener Produktmerkmale wird ein niedrigerer Zollsatz erzielt. Beispiele hierfür sind:

  • Anpassung eines Produkts, sodass es in eine andere Harmonized Tariff Schedule (HTS)-Klassifizierung fällt.
  • Abwandlung der Produktionsprozesse, um das Herkunftsland (COO) gezielt zu verändern.
  • Direktes Lobbying bei Customs and Border Protection, um argumentativ zu begründen, dass das Land der letzten wesentlichen Verarbeitung ein Land mit niedrigerem Zoll sein sollte. 

Obwohl Tarif-Engineering bereits seit Jahrzehnten eingesetzt wird, hat die Methode in den letzten sechs Monaten deutlich an Bedeutung gewonnen. Die zunehmende Bedeutung von Zöllen im Zuge der unter der Trump-Regierung verschärften globalen Handelsregulierung rückt diesen Ansatz in den Fokus von Sourcing-, Beschaffungs- und Supply-Chain-Verantwortlichen—und führt zu einer breiten Suche nach neuen Maßnahmen zur Risikominderung. 

Tarif-Engineering ist insbesondere deshalb attraktiv, weil es eine graduierte, kontrollierte Antwort auf steigende Importkosten bietet. Statt aufwändiger Lieferkettenumstellung, Onshoring oder kompletter Produktionsverlagerung kann durch gezielte kleine Anpassungen an den Rändern des Produktionsprozesses eine große Wirkung bei den Transportkosten erzielt werden. 

Tarif-Engineering ist insbesondere deshalb attraktiv, weil es eine graduierte, kontrollierte Antwort auf steigende Importkosten bietet.

Bemerkenswert ist zudem, dass für diese Strategie trotz historischer Beispiele bis heute kein allgemeingültiges Vorgehen existiert. Dadurch eröffnet sich für Fachleute aus den Bereichen Sourcing und Beschaffung ein kreativer Raum, um mithilfe von Einfallsreichtum und Ressourcen die eigene Lieferkette und Produktion für bessere Importbedingungen anzupassen. 

Produktionsmodifikationen

Eine lang etablierte Methode, um Zollverpflichtungen zu senken, besteht darin, Produktionsprozesse so zu verändern, dass sich das offizielle Herkunftsland (COO) ändert. In der Praxis können dies Sourcing- und Beschaffungsverantwortliche meist nicht allein umsetzen; vielmehr ist eine Zusammenarbeit zwischen Sourcing, Design und Engineering erforderlich. In gemeinsamer Arbeit ermitteln diese Teams Potenziale, um den Fertigungsablauf zu verändern, Produktdesigns anzupassen oder die Anforderungen einer neuen, zollgünstigen HTS-Klassifizierung zu erfüllen. 

Bei der Anpassung von Produktionsprozessen sollten Teams stets eine kontinuierliche Kosten-Nutzen-Analyse durchführen. Die erste Hälfte des Jahres 2025 hat eindrucksvoll gezeigt, wie dynamisch und wandelbar das internationale Handelsumfeld ist. Organisationen sollten den jeweiligen Kontext sowie potenzielle Entwicklungsszenarien sorgfältig abwägen, bevor strategische Änderungen an Produkten oder Fertigung vorgenommen werden—denn selbst die höchsten Importzölle können nur temporäre Handelshemmnisse darstellen. 

Argumentieren für „Commercial Viability“ im Land mit niedrigem Zoll

In den USA stützt sich Customs and Border Protection bei der Festlegung des Herkunftslandes (COO) und der damit verbundenen Importzölle auf das Prinzip der wesentlichen Verarbeitung („substantial transformation“). Das bedeutet: Für Produkte, deren Herstellung über mehrere Länder verteilt ist, gilt der letzte Staat, in dem eine solche weitreichende Verarbeitung stattfand, als Herkunftsland. Die Definition der U.S. International Trade Administration lautet: „Substantial transformation bedeutet, dass das Produkt eine grundlegende Veränderung in Form, Erscheinungsbild, Natur oder Charakter erfährt.“ Zudem muss die Veränderung „den Warenwert erheblich steigern—gemessen am Wert (bzw. dem Wertanteil) des Produkts oder seiner Komponenten bei Ausfuhr aus dem Ursprungsland“.

Trotz der Bemühungen der US-Bundesregierung, diesen Begriff eindeutig zu definieren, bleiben Interpretationsspielräume. Unternehmen versuchen nun, diese Unschärfen zu nutzen, um für bestimmte Importe das COO in ein Land wechseln zu lassen, das sie als letzten Ort der maßgeblichen Verarbeitung ansehen—selbstverständlich bevorzugt in ein Land mit niedrigerem Zoll. Dabei bringen viele Unternehmen vor, dass das Land, in dem das Produkt erstmalig „commercial viability“ (wirtschaftliche Umsetzbarkeit) erreicht, als COO qualifiziert werden sollte, selbst wenn es anschließend weitere Produktionsschritte in anderen Ländern durchläuft. 

Dieser wirtschaftliche Viabilitätsansatz ist ein proaktives Lobbying gegenüber der CBP, das Herkunftsland neu festzulegen. Zur Untermauerung ihrer Argumentation reichen Unternehmen technische Unterlagen zu Produktionsschritten, Produktspezifikationen und anderen relevanten Themen ein, um so die Zolllast ihres Unternehmens gezielt zu reduzieren. 

Zur Untermauerung ihrer Argumentation reichen Unternehmen technische Unterlagen zu Produktionsschritten, Produktspezifikationen und weiteren Materialien ein, um die Zolllast ihres Unternehmens gezielt zu reduzieren. 

Halbleiterunternehmen ändern COO-Klassifizierung

In den vergangenen Jahren gab es nennenswerte Entwicklungen in der Bestimmung des COO bei Halbleitern in verschiedenen Importländern. Traditionell wurde das Assembly-, Test- und Packaging-(ATP)-Werk als COO angesetzt, da dort die letzte wesentliche Verarbeitung stattfand.

Inzwischen gehen einige der weltweit größten Chip-Importeure jedoch einen anderen Weg und ordnen die Zollverantwortung für Halbleiter neu zu. So hat Chinas General Administration of Customs (GACC) im April ihre Regeln für die Zollbemessung bei importierten Halbleitern geändert. Anstelle des letzten Landes der wesentlichen Verarbeitung—meist ein ATP-Werk—wird nun das „country of diffusion“ zur Bestimmung der Einfuhrzölle herangezogen. Das bedeutet den Staat, in dem der für den Halbleiter verwendete Wafer gefertigt wurde. Und auch wenn es in den USA bislang noch keine offiziellen Regeländerungen gibt, mehren sich Erfahrungsberichte, dass CBP ebenfalls stärker das „country of diffusion“ zur Zollberechnung heranzieht. 

Auch wenn dies nach einer rein regulatorischen Veränderung aussieht, eröffnet es Chancen für vorausschauend agierende Unternehmen. Viele Firmen, die Halbleiter in die USA importieren oder nach China exportieren, bemühen sich nun, das COO dieser Chips neu klassifizieren zu lassen. Zum Beispiel können US-Halbleiterhersteller wie Nvidia und Qualcomm—fabless-Unternehmen, die große Teile ihrer Fertigung an TSMC und andere ausländische Foundries auslagern—diese Änderung für sich nutzen: Da für China jetzt das „country of diffusion“ maßgeblich ist, lassen sich für nach China exportierte Halbleiter die günstigeren Taiwan-Tarifsätze statt der oft deutlich höheren US-Importzölle anwenden. 

Transparenz ist Motor für strategisches Tarif-Engineering 

Für viele Unternehmen mit globaler Lieferkette ist der Status quo nicht mehr haltbar. Trotz zeitweiser Abkommen mit einigen Ländern bleibt unter der Trump-Regierung ein restriktives Handelsregime bestehen—mit dem höchsten durchschnittlichen US-Tarifniveau seit fast einem Jahrhundert. Um ihre Transportkosten niedrig und Margen stabil zu halten, setzen US-Unternehmen zunehmend auf neue Strategien, kreative Maßnahmen und unkonventionelle Lösungen. In dieser Atmosphäre der Initiative ist Tarif-Engineering zum Schlüsselthema avanciert—eine Entwicklung, die später vielleicht als kennzeichnend für diese Ära des Welthandels betrachtet wird.

Unternehmen, die Tarif-Engineering für sich nutzen wollen, benötigen heute maximale Transparenz in ihren Lieferketten—und die dafür notwendigen Daten und Analysen. Eine umfassende Transparenz ermöglicht es, alle Optionen zur COO-Optimierung, potenzielle Änderungen im Fertigungsprozess oder Belege für eine Argumentation auf Basis wirtschaftlicher Umsetzbarkeit zu erkennen und zu bewerten. 

Die Supply chain risk management (SCRM)-Plattform Z2Data bietet dafür in zahlreichen Ausprägungen praxisorientierte, tiefe Supply-Chain-Transparenz:

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  • Umfassendes Supply Chain Mapping ermöglicht den Zugriff auf detaillierte Visualisierungen der Fertigungswege eines Produkts.
  • Granulare Informationen zu Halbleitern—einschließlich Herstellern, Fertigungsstätten, Sub-Tier-Lieferanten und Risikoanalysen. 

Mit den von Z2Data bereitgestellten Informationen und Analysen wird Tarif-Engineering zu einer von zahlreichen Strategien, mit denen Organisationen ihre Lieferketten optimieren und Logistikkosten nachhaltig senken können. Mehr zur Plattform und wie sie Unternehmen hilft, sich im aktuellen Zollumfeld strategisch präzise zu positionieren, erfahren Sie in einer kostenlosen Demo mit unseren Produktexperten.