Wird aus dem Chipmangel ein Chipüberschuss?

Hersteller erhöhen die Produktion, um die Chipnachfrage zu bedienen – aber was passiert, wenn die Nachfrage zurückgeht?

Wird aus dem Chipmangel ein Chipüberschuss?

Die Chip-Lieferengpässe hielten bis Ende 2021 an, und Foundries reagieren darauf mit enormen Expansionsvereinbarungen. Die Nachfrage nach Halbleitern und anderen fortschrittlichen Chips bleibt weiterhin extrem hoch – insbesondere, da Verbraucher sowohl in Geschäften als auch online für die Feiertage einkaufen.

Obwohl die Foundry-Erweiterungen zweifellos mehr Chips in die Produktion bringen werden, wird erwartet, dass der Produktionsanstieg die derzeitige Nachfrage für mindestens einige Jahre nicht decken kann – denn neue Foundries und Fertigungsstätten entstehen schließlich nicht über Nacht. Und bevor Sie denken, „Na klar, das versteht sich von selbst!“, kommen wir zum eigentlichen Punkt:

Was passiert, wenn die Chip-Nachfrage in den kommenden Jahren zurückgeht?

Einführung: der Bullwhip-Effekt

Der Bullwhip-Effekt (Peitscheneffekt) wird vom Chartered Institute of Procurement and Supply (CIPS) wie folgt definiert:

„Der Bullwhip-Effekt (auch als Forrester-Effekt bekannt) bezeichnet die Nachfrageschwankungen, die sich innerhalb der Lieferkette vom Händler über den Großhändler bis zum Hersteller fortpflanzen. Sie entstehen durch Bestellschwankungen, die größer sein können als die tatsächlichen Verkaufsschwankungen.“

Anders gesagt: Dieser Effekt entsteht oft durch falsche Prognosen und mangelnde Kommunikation zwischen den Hierarchieebenen der Beschaffung und Versorgung. Ein einfaches Beispiel soll dies verdeutlichen:

Ein Computerladen verkauft 10 Laptops pro Tag und hält normalerweise 50 Laptops auf Lager. Üblicherweise bestellt das Geschäft täglich 10 Laptops beim Distributor nach, um den täglichen Absatz zu ersetzen. Eines Tages verkauft der Laden jedoch 50 Laptops und nimmt an, dies sei der Beginn einer größeren Nachfragewelle. Also erhöht der Laden die Nachbestellung von 10 auf 50 Laptops.

Chip shortage of surplus?
Laptops! Hier gibt’s Laptops!

Nun sieht der Distributor den Nachfragesprung und bestellt vorsichtshalber 100 Laptops beim Hersteller, um Versorgungsengpässe zu vermeiden. Schließlich könnte der Händler weiterhin immer mehr Laptops verkaufen. Der Distributor möchte verhindern, dass der Händler zur Konkurrenz wechseln muss, um seinen Bedarf zu decken.

Daraufhin produziert der Hersteller sicherheitshalber 120 Laptops – so wird eine temporäre Nachfragesteigerung schnell zu einer Kettenreaktion in der Lieferkette und kann zu Überproduktion führen.

Der Bullwhip-Effekt im Zusammenhang mit der Chip-Knappheit

Übertragen wir den Bullwhip-Effekt auf die aktuelle Chip-Knappheit: Konsens ist, dass die Hauptursachen bei Covid-19 und den pandemiebedingten Auswirkungen auf die Nachfrage und Lieferketten liegen. Die Pandemie hat zu Engpässen bei Schiffscontainern, Fabrikschließungen und einer erhöhten Nachfrage nach Elektronikartikeln geführt – ausgelöst durch Homeoffice und Quarantänemaßnahmen. Dies ist mittlerweile allgemein bekannt.

Und auch wenn dies inzwischen unsere „neue Normalität“ geworden ist, besteht die Möglichkeit, dass die aktuelle „dritte Welle“ überwunden wird und wir zu Vor-Covid-Gewohnheiten zurückkehren: weniger Zeit zu Hause, geringeres Risiko von Fabrikschließungen, geringerer Bedarf an Unterhaltungselektronik.

Intel chip image
Blicken Sie auf die Schönheit dieses Prozessors – werden solche Bilder Herstellern künftig Sorge bereiten, falls ein Überangebot entsteht?

Falls die Nachfrage in den nächsten Jahren abnimmt, droht dann eine Chip-Schwemme, ausgelöst durch die Vielzahl neuer Chip-Fabs und Produktionsanlagen? Branchenanalyst Daniel Nenni rechnet damit – es sei denn, „es entsteht ein großer Boom bei der Halbleiternachfrage“, der weit über den pandemiebedingten Nachfragestau hinausgeht. Genau so hängt der Bullwhip-Effekt mit der Knappheit zusammen: Die aktuelle Nachfrage und das Panik-Kaufen treiben den prognostizierten zukünftigen Bedarf in der Lieferkette künstlich in die Höhe. Das heißt, Hersteller erweitern möglicherweise ihre Kapazitäten für einen Bedarf, der in Wahrheit nicht existiert.

Mit anderen Worten: Hersteller könnten sich darauf vorbereiten, künftig deutlich mehr Chips zu produzieren, als tatsächlich gebraucht werden.

Werfen wir einen Blick auf einige der größten Chip-Hersteller und ihre Pläne zur Kapazitätserweiterung:

  • TSMC: Investiert bis zu 100 Mrd. USD in Kapazitätserweiterung in den nächsten drei Jahren.
  • Intel: Neue Fabs in Arizona und New Mexico geplant, Erweiterung bestehender Standorte in Oregon.
  • GlobalFoundries: Produktionsstätten in Singapur und New York werden ausgebaut, zusätzliche Kapazität am 12-Zoll-Fab in Dresden, Deutschland.
  • UMC: 3,58 Mrd. USD-Investitionsprojekt zur Erweiterung seines 12-Zoll-Standorts in Taiwan.
  • SMIC: Initiierte Kapazitätserweiterungen in Peking, Ningbo, Shanghai und Shenzhen sowie weitere Pläne zum Bau neuer Wafer-Fabs an allen Standorten.
  • Automotive IC IDMs (Integrated Device Manufacturers): STMicroelectronics, Infineon und Texas Instruments planen jeweils, die Chip-Kapazitäten für Automotive- und 5G-Produkte zu erhöhen.

Gerade dieser massive Anstieg bei Ausgaben und Kapazitätserweiterungen sorgt bei Branchenanalysten wie Lillian Li, VP und leitende Kreditanalystin bei Moody’s, für Besorgnis: „Diese großen Investitionen könnten zu Überkapazitäten und ineffizienter Kapitalallokation führen.“

Wenn sich diese Überkapazitätsbedenken bewahrheiten, stellt sich die Frage: Wer wird bei einem Chip-Überangebot am stärksten betroffen sein?