Spotlight:
- Ist Apple immun gegen den Engpass?
- Gaming & Unterhaltung unter Druck
- Wer trägt die Schuld?
Qualcomm schlug als Erster Alarm.
Der Telekommunikationsriese gab Anfang Februar eine Stellungnahme ab, dass die Nachfrage nach Chips kaum noch gedeckt werden könne. Diese Aussage erfolgte auf dem Höhepunkt des Kampfs um Halbleiter in der Automobilindustrie und löste Berichte aus, dass der Chipmangel in der Automotive-Branche nun auch auf die Unterhaltungselektronik übergreifen könnte. Schließlich verschwimmen die Grenzen zwischen Automotive- und Konsumtechnik täglich mehr – vor allem, da Elektrofahrzeuge und moderne Fahrzeuge zunehmend mit dem IoT (Internet of Things) verknüpft werden.
Inzwischen hat sich auch Samsung dem Alarm von Qualcomm angeschlossen. Das Technologieunternehmen äußerte Bedenken hinsichtlich eines möglichen verzögerten Marktstarts seines neuesten Smartphones, des Galaxy Note.
Wieder einmal warnen Technologieführer und Branchenexperten, dass die Chipknappheit aus dem Automobilsektor inzwischen die gesamte Unterhaltungselektronik betrifft und zu einem branchenweiten Chipmangel führt.
Aber ab wann wird aus der Warnung Realität? Wenn bereits Qualcomm und Samsung von der aktuellen Knappheit betroffen sind, dürfte die Chipkrise bereits auf die Unterhaltungselektronik übergegangen sein.
Nicht „alle, nur nicht Apple“
Wenn es einen Technologieführer gibt, der als immun gegen einen Chipengpass gilt, würde die Mehrheit vermutlich auf Apple tippen. Und das stimmt – zumindest teilweise.
MS Hwang, Analyst bei Samsung Securities, erklärt: Das aktuelle Chip-Angebot von TSMC sei „angespannt“ und betreffe „alle außer Apple“.
Hwang lässt jedoch unerwähnt, welche Auswirkungen der Chipengpass aktuell auf Qualcomm hat – einen wichtigen Lieferanten für Apples 5G-Komponenten. Bereits Anfang des Jahres erklärte Apple, dass die iPhone-12-Verkäufe durch die anhaltende Komponentenknappheit beeinträchtigt würden. Apple mag zwar nicht unter dem Lieferengpass von TSMC leiden, doch die Knappheit bei Qualcomm setzt auch Apple zu.
Hwang prognostiziert zudem, dass PCs und TVs als nächste Bereiche der Unterhaltungselektronik den Druck des Mangels spüren werden. Display-Treiber-ICs werden knapp, und laut Hwang werden die LCD-Panelpreise deutlich ansteigen, was wiederum die „Profitabilität von TVs“ beeinträchtigt.
Zusätzliche Brisanz erhält der Chipmangel durch die Tatsache, dass Samsungs S2 Fab in Texas aufgrund der Auswirkungen von „Snowmageddon“ immer noch geschlossen ist.
Dass Samsung sich offen zu den aktuellen Engpässen äußert, ist bemerkenswert. Das koreanische Unternehmen ist für gewöhnlich sehr zurückhaltend, insbesondere wenn es den eigenen Betrieb betrifft. Und dabei darf man nicht vergessen: Laut TrendForce ist der Technologiekonzern weltweiter Marktführer bei Handys.
Auch wenn gerne behauptet wird, „alle, nur nicht Apple“, macht die aktuelle Situation deutlich: Der Chipmangel trifft mittlerweile jeden Tech-Riesen.
Gaming und Unterhaltung spüren die Auswirkungen
Man kann sich die Knappheit an Automotive-Chips wie „The Blob“ vorstellen – eine unaufhaltsame Welle, die auf ihrem Weg von Automotive zu Telekommunikation bis hin zu Gaming und Unterhaltung alles aufsammelt.
:quality(85))
Der Engpass bei Gaming-Hardware wird zum Beispiel durch Sonys Aussage bestätigt: Aufgrund von Produktionsengpässen könne der Bedarf an PS5-Konsolen nicht voll gedeckt werden.
Auch Nintendo und Microsoft kämpfen damit, die Nachfrage nach ihren eigenen Konsolen zu erfüllen.
Unternehmen wie NXP Semiconductors NV – mit ihrem hohen Maß an Transparenz über die globale Chipversorgung – bestätigen: Der Engpass ist kein reines Automotive-Problem mehr. Es betrifft die gesamte Technologiebranche – und zwar industrieübergreifend.
Sind Smartphones und Tablets schuld?
Doch was ist der eigentliche Treiber dieser Krise? Worauf können wir zeigen und sagen: „Ah, das ist es. Genau das passiert. Die sind schuld!“
Die gegenwärtige Chipknappheit ist komplex und lässt sich nicht einfach schwarz-weiß beurteilen. Aber es gibt eine Antwort, mit der sich die Lage besser einordnen lässt.
Vereinfacht gesagt: Nahezu jede Branche – von Telekommunikation über Automotive bis zur Unterhaltungselektronik – setzt auf dieselben Chiptypen. Entscheidend dabei: Alle sind – mehr oder weniger – von den gleichen Lieferanten abhängig.
Vor allem jedoch treiben Smartphones und Tablets die Nachfrage nach diesen begehrten Komponenten wie nie zuvor.
Tatsächlich.
Jährlich steigt der Komponentenbedarf für Smartphones und Tablets – allein im vergangenen Jahr wuchs der Versand von TDDI-ICs für Tablets um 46,2 %.
Mit der erhöhten Nachfrage nach Komponenten für Smartphones und Tablets erwarten Branchenanalysten, dass zentrale Bauteile im Laufe des Jahres 2021 um bis zu 15 % teurer werden.
Die neuen 5G-Smartphones enthalten zudem 50 % mehr Keramikkondensatoren als 4G-Modelle, was den Bedarf weiter nach oben treibt.
Doch trotz der gestiegenen Nachfrage bleiben auch Smartphones und Tablets nicht vom aktuellen Engpass verschont. Wie bereits oben dargestellt, berichten Technologiekonzerne wie Apple und Samsung von rückläufigen Verkäufen und möglichen Markteinführungsverzögerungen bei Smartphones – verursacht durch begrenzte Liefermengen.
Vielleicht überdenken wir unsere Vorwürfe gegenüber Smartphones und Tablets gerade etwas. Ein bisschen schlechtes Gewissen schwingt mit.
Inmitten von Impfkampagnen und sinkenden Infektionszahlen wird leicht vergessen: COVID war der Auslöser für den aktuellen Engpass.
Rückblick auf Q2 2020: Weltweite Betriebsschließungen – einschließlich der globalen Komponentenhersteller und -lieferanten. Was wir heute erleben, ist der „Post-COVID-Rebound“.
Branchenanalysten erwarten für das zweite Halbjahr 2021 eine mögliche Entspannung der Lieferlage. Doch alle aktuellen Indikatoren sprechen dafür, dass es zunächst noch schwieriger wird, bevor Besserung eintritt.
Oder um es mit einem bekannten Sprichwort zu sagen: „Die dunkelste Stunde ist kurz vor Sonnenaufgang.“
Im Moment ist die Stunde allerdings noch sehr dunkel.