Artikel-Highlights:
- Lieferketten-Szenarioplanung ist eine Risikomanagement-Praxis, mit der Unternehmen mögliche zukünftige Szenarien entwerfen und Strategien entwickeln, um diese Szenarien effektiv zu meistern.
- Lieferketten-Szenarioplanung nutzt langfristige Zeithorizonte, um das Management dazu zu bewegen, den eigenen Geschäftsbetrieb mit einer Langzeitperspektive zu betrachten, verschiedene potenzielle Zukünfte vorauszudenken und die besten strategischen Rahmenbedingungen für den Erfolg unter unterschiedlichen Bedingungen zu bestimmen.
- Während der Bedarf an Szenarioplanung in den letzten fünf Jahren deutlich gestiegen ist, haben sich auch technologische Werkzeuge weiterentwickelt. So können Organisationen diesen Prozess heute mit deutlich mehr Präzision durchführen.
- Der Oxford Scenario Planning Approach wurde an der University of Oxford entwickelt und gilt heute als das führende Rahmenwerk für Szenarioplanung.
Unternehmen haben verschiedene Möglichkeiten, Lieferkettenrisiken zu steuern und abzumildern. Es gibt den reaktiven Ansatz, bei dem Unternehmen auf Störungen spontan reagieren. Supply-Chain-Expert:innen versuchen, Schäden und Kosten in Echtzeit zu minimieren, indem sie Krisenmanagement betreiben: etwa alternative Lieferanten identifizieren, die Produktion an verlangsamte Beschaffung anpassen oder Kunden über drohende Lieferengpässe informieren.
Ein proaktiver Ansatz im Risikomanagement hingegen schafft einen Rahmen, um potenzielle Störungen abzufedern, bevor sie überhaupt in der Lieferkette auftreten. Proaktives SCRM (Supply Chain Risk Management) umfasst eine Vielzahl miteinander verzahnter Maßnahmen und Initiativen, darunter:
- Kartierung von direkten und Sub-Tier-Lieferketten.
- Bewertung von Risikoexpositionen nach geografischen Regionen, Lieferanten und Fertigungsstandorten.
- Absicherung alternativer Lieferanten.
- Diversifizierung von Herstellern über verschiedene Regionen hinweg.
- Aufbau von Beständen in stabilen Phasen.
Insbesondere während der COVID-19-Pandemie wuchs die Notwendigkeit für proaktives Risikomanagement, als Unternehmen gezwungen waren, durch Chaos in Lieferketten, Marktturbulenzen und massive Umsatzeinbußen zu navigieren. Nach diesen finanziell schwierigen Jahren war die Bereitschaft, in SCRM zu investieren und echte Lieferkettenresilienz zu schaffen, so hoch wie nie zuvor.
Auch wenn proaktives Risikomanagement ein wirksames Mittel ist, um Notfallmaßnahmen zu entwickeln und sich auf kommende Störungen – oder wie bei COVID gleich eine ganze Abfolge davon – vorzubereiten, benötigen Organisationen eine strukturierte Methode, um diese Maßnahmen und deren zugrundeliegende Strategien zu erstellen. Genau hier setzt Szenarioplanung im Lieferkettenumfeld an. Szenarioplanung geht über proaktives SCRM hinaus, indem Unternehmen die Möglichkeit erhalten, sich potenzielle Risikolandschaften Monate oder sogar Jahre im Voraus auszumalen. Damit ist es das vorausschauendste Instrument im Risikomanagement und ermöglicht es Fachleuten, verschiedene Zukunftsszenarien zu antizipieren und ihre Risikostrategien entsprechend weiterzuentwickeln.
Was ist Lieferketten-Szenarioplanung?
Lieferketten-Szenarioplanung ist eine Risikomanagement-Praxis, mit der Unternehmen mögliche Zukunftsszenarien skizzieren und Strategien entwickeln, um diese Szenarien effektiv zu bewältigen. Dies ist natürlich eine Vereinfachung eines meist sehr komplexen und tiefgehenden Prozesses; andere Definitionen unterstreichen diese Komplexität noch stärker. Laut der MIT Sloan Management Review „beinhaltet Szenarioplanung in der Lieferkette die Betrachtung möglicher künftiger Zustände über einen Planungshorizont von drei bis über 30 Jahren. Sie erfordert einen mehrstufigen Konsultationsprozess innerhalb der Organisation oder deren Lieferkette, der nach der Datenanalyse oft einige Monate in Anspruch nimmt.“
Lieferketten-Szenarioplanung nutzt lange Zeithorizonte, damit Führungskräfte ihre Geschäftsstrategie mit einer langanhaltenden Perspektive gestalten, unterschiedliche Zukunftsszenarien vorausdenken und optimale strategische Modelle für den Erfolg unter diesen Konstellationen entwickeln. Während die Notwendigkeit zur Szenarioplanung in den letzten fünf Jahren deutlich gestiegen ist, haben sich auch die technologischen Tools deutlich weiterentwickelt. Unternehmen können nun riesige Datenmengen, prädiktive Analysen und künstliche Intelligenz nutzen, um zukünftige Szenarien zu modellieren und deren Auswirkungen auf das eigene Geschäft gezielt zu extrapolieren.
Unternehmen sind heute in der Lage, umfangreiche Datenmengen, prädiktive Analysen und künstliche Intelligenz zu nutzen, um zukünftige Szenarien zu entwerfen und die Auswirkungen dieser Szenarien auf ihr Unternehmen effektiv zu prognostizieren.
Was ist der Oxford Scenario Planning Approach?
Der Oxford Scenario Planning Approach wurde an der University of Oxford von den führenden Szenarioplanungs-Experten Kees van der Heijden, Angela Wilkinson und Rafael Ramirez entwickelt. Das Modell gilt heute als das führende Rahmenwerk der Szenarioplanung.
Der Oxford-Ansatz entstand vor rund einem Jahrzehnt mit dem Ziel, bestehende Modelle der Szenarioplanung zu modernisieren und einen neuen Fokus auf Kontext, Unsicherheit und Signale zu legen. Laut Oxford University ist das „ein intellektuell fundierter Ansatz zur Szenarioplanung, dessen theoretische Grundlagen durch praxisorientierte Anleitung ergänzt werden.“ Der Oxford-Ansatz bietet „einen anderen Ansatz zur Strategieentwicklung, indem er Sie dazu auffordert, Ihre Fähigkeit zur Bewältigung von Unsicherheiten zu stärken und die daraus entstehenden Chancen zu nutzen – statt einfach nur die Zukunft vorhersagen zu wollen.“
Auch wenn der gesamte Umfang des Oxford-Ansatzes hier nicht abgebildet werden kann, gibt es einige zentrale Merkmale, die hervorzuheben sind.
- TUNA: Ein Akronym, das im Rahmen des Oxford Scenario Planning Approach entwickelt wurde und für „Turbulenzen, Unsicherheit, Neuartigkeit und Ambiguität“ (turbulence, uncertainty, novelty, ambiguity) steht. TUNA umfasst herausfordernde, nicht vorhersehbare Ereignisse und Entwicklungen, die Organisationen gefährden, Lieferketten bedrohen und sogar ganze Geschäftsmodelle infrage stellen. Beispiele für TUNA sind Brexit, die COVID-19-Pandemie oder – sehr wahrscheinlich – die Zollkonflikte 2025. Die Szenarioplanung in Lieferketten ist deshalb so wertvoll, weil sie die Komplexität und die vielseitigen Bedrohungen solcher Ereignisse aufschlüsselt, noch bevor sie eintreten. So erhalten Unternehmen die Möglichkeit, mögliche zukünftige TUNA-Phasen – samt ihrer Konsequenzen – vorausschauend und durchdacht zu reflektieren.
- Kontextuelles und Transaktionales Umfeld: Ein weiteres zentrales Element des Oxford-Frameworks ist das Konzept eines gestuften Umfelds. In Publikationen wie der MIT Sloan Management Review unterteilen Rafael Ramirez und Kolleg:innen das Geschäftsumfeld in zwei Hauptbereiche. Das transaktionale Umfeld – oder auch „erste Ebene“ – beschreibt die Stakeholder und das unmittelbare Umfeld der Organisation, darunter Kunden, Lieferanten, Investoren und Regulatoren.
Das kontextuelle Umfeld, aus Sicht der „zweiten Ebene“, umfasst dagegen sämtliche externen Variablen jenseits des Unternehmens-Ökosystems und außerhalb des eigenen Einflussbereichs. Hierzu zählen makroökonomische Bedingungen, technologische Entwicklungen, gesellschaftliche Trends, geopolitische Ereignisse und demografische Veränderungen. Ramirez brachte Szenarioplanung in einem Forschungsartikel von 2017 prägnant auf den Punkt: „Szenarioplanung bedeutet, zu untersuchen, wie die zweite Ebene die erste Bereiche verändern könnte.“
- Fokus auf „Schwache Signale“: Szenarioplanung bedeutet, über hochwahrscheinliche Ergebnisse hinauszuschauen und hypothetische Ereignisse zu erwägen, die zwar unwahrscheinlich, aber dennoch plausibel sind. Ereignisse wie die COVID-19-Pandemie, der russische Angriff auf die Ukraine oder die globale Handels-Neuausrichtung 2025 galten vor ihrem Eintreten nicht als wahrscheinlich – und sind dennoch Realität geworden. Der Oxford Scenario Planning Approach legt besonderen Wert auf schwache Signale: schwach erkennbare Muster, Trends und Möglichkeiten, die in 5, 10 oder 20 Jahren an Relevanz und Einfluss gewinnen können. (Wichtig ist zu beachten, dass Szenarioplanung in der Regel Zeithorizonte von drei bis 30 Jahren nutzt.) Szenarioplanung lädt Unternehmen dazu ein, sich mit veränderten Standards, Normen und Narrativen auseinanderzusetzen – und „schwache Signale“ frühzeitig wahrzunehmen, bevor diese Realität werden und das Geschäft grundlegend verändern.
Fokus auf „schwache Signale“: Szenarioplanung bedeutet, über hochwahrscheinliche Ergebnisse hinauszublicken und hypothetische Konstellationen zu bedenken, die nicht zwangsläufig wahrscheinlich, aber dennoch plausibel sind.
Wie können Unternehmen Szenarioplanung in der Lieferkette umsetzen?
Die Szenarioplanung in der Lieferkette ist ein komplexer, vielschichtiger Prozess. Deshalb sollten Organisationen zu Beginn eine klare Roadmap festlegen. Im Allgemeinen gibt es einige zentrale Phasen, die für eine erfolgreiche Umsetzung entscheidend sind.
1. Definition des Zeitrahmens
Die meisten Modelle zur Lieferketten-Szenarioplanung empfehlen die Wahl eines Zeitrahmens zwischen wenigen Jahren und mehreren Jahrzehnten. Die Wahl hängt dabei von vielen Faktoren ab. Kleine Unternehmen mit weniger als fünf Jahren Marktpräsenz könnten ihr Szenariomanagement auf 24 oder 36 Monate beschränken. Größere Unternehmen mit mehr Erfahrung und Stabilität setzen hingegen auf Zeithorizonte von mindestens einem halben Jahrzehnt oder darüber hinaus.
2. Identifizierung der wichtigsten Stakeholder
Die Identifikation der wichtigsten Stakeholder ist ein zentraler Bestandteil vieler Risikomanagementprozesse und für die Szenarioplanung in der Lieferkette gleichermaßen unerlässlich. Zu den Stakeholdern zählen insbesondere die Akteure des eigenen transaktionalen Umfelds: Kunden, direkte und Sub-Tier-Lieferanten, Investoren, Wettbewerber sowie relevante Aufsichtsbehörden.
3. Identifikation der „Treiber“
Treiber – häufig als kritische Faktoren oder Unsicherheiten bezeichnet – sind das vielleicht wichtigste Element der Szenarioplanung. Es handelt sich um unabhängige Variablen, die den Status quo im gewählten Zeithorizont gefährden und Unternehmen zwingen, sich anzupassen und sämtliche risikomindernden Werkzeuge zur Sicherung der eigenen Resilienz einzusetzen. Die wichtigsten Treiber finden sich meist im kontextuellen Umfeld und umfassen geopolitische Entwicklungen, regulatorische Veränderungen, Materialengpässe, Rezessionen und andere makroökonomische Ereignisse.
4. Entwicklung und Durchspielen des Szenarios
Die Szenarioentwicklung beinhaltet, ein oder mehrere dieser Treiber auszuwählen und zu untersuchen, wie sie sich auf Kunden, Geschäftsmodell und das transaktionale Umfeld auswirken könnten. Unternehmen kombinieren dabei oft zwei Treiber – jeweils auf einer X- bzw. Y-Achse hinsichtlich Ausprägung und Schweregrad – und erhalten so eine Matrix mit vier Szenarien.
Ein Unternehmen könnte beispielsweise ein dereguliertes Umfeld und eine Wirtschaftskrise als Treiber auswählen. Die Wirtschaftskrise wird auf der X-Achse abgebildet – ganz links die schwere Depression, ganz rechts nur eine kurzfristige Rezession. Die Deregulierung wird parallel auf der Y-Achse verortet – oben die drastische Abschaffung von Regulierungen, unten geringfügige Anpassungen. Daraus ergeben sich vier Szenarien, die Unternehmen gezielt durchdenken und darauf aufbauend Maßnahmen ergreifen können.
5. Bewertung von Auswirkungen und Strategien
Sind die Szenarien angelegt, bewerten Teams die unterschiedlichen hypothetischen Zukunftsentwicklungen. Dieser Schritt ist unerlässlich, um mit strategischer Weitsicht zu planen, wie das eigene Unternehmen auf potenzielle Risiken für Lieferkette und Umsatz reagieren sollte. Sobald die Auswirkungen bewertet sind, gilt es, verschiedene Strategien zur Risikominderung zu entwickeln.
Zu diesen Strategien zählen etwa der gezielte Aufbau von Lagerbeständen, die Erhöhung der Liquidität, die Diversifizierung der Lieferkette oder die Erweiterung des eigenen Produktportfolios. Ein entscheidender Vorteil der Szenarioplanung liegt darin, dass Unternehmen gezwungen sind, sich auf ganz spezifische Konstellationen zu konzentrieren – was die Entwicklung maßgeschneiderter Maßnahmen zur Risikominimierung überhaupt erst ermöglicht.
Z2Data bietet die Datengrundlage für Szenarioplanung
Um effektive, realistische Szenarien durchzuspielen, benötigen Unternehmen glaubwürdige, reale Daten. Die Simulation eines Engpasses bei Seltenen Erden (REE) oder eines bewaffneten Konflikts, der alle Lieferanten eines Landes betrifft, setzt umfassende Lieferkettendaten zu Herstellern, Rohstoffversorgung und anderen kritischen Variablen voraus. Z2Data ist eine führende Plattform für Supply Chain Risk Management (SCRM) mit drei einzigartigen Datenbanken: Mehr als 1 Milliarde elektronische Bauteile, 1 Million Lieferanten und 200.000 Fertigungsstandorte weltweit. Diese Datenbanken liefern die Detailinformationen zu Bauteilen, Lieferanten und Standorten, die für eine fundierte Szenarioplanung unersetzlich sind.
- Parametrische Suche in einer Milliarde Bauteile und über 1.000 Warengruppen
- Cross-Referenzierungen
- Proprietäre Lebenszyklus-Prognosen
- Detaillierte Lieferantenprofile mit umfassenden Risikobewertungen
- Lieferketten-Mapping
- Sub-Tier Intelligence
Organisationen, die eine Szenarioplanung für ihre Lieferkette durchführen möchten, können auf die Z2Data-Plattform zurückgreifen, um einen Prozess zu gestalten, der durch umfassende, reale Daten und Intelligence fundiert ist. Mehr darüber, wie Sie die Datenbanken von Z2Data für Szenarioplanung und weitere SCRM-Maßnahmen nutzen können, erfahren Sie in einer kostenlosen Demo mit einem unserer Produktexpert:innen.