In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich das Feld des Lieferkettenrisikomanagements (SCRM) stetig weiterentwickelt. Was einst eine Nischendisziplin einer kleinen Zahl von Unternehmen war, ist heute zu einer milliardenschweren Branche avanciert und wird zunehmend als wesentlicher Bestandteil verantwortungsbewusster Unternehmensführung betrachtet.
Unternehmen stehen heute vor der Aufgabe, sich in komplexen Lieferantennetzwerken über mehrere Kontinente und Fertigungsstufen hinweg zu bewegen, sich immer restriktiveren und streng überwachten regulatorischen Rahmenbedingungen zu stellen und protektionistischen Handelspolitiken entgegenzuwirken, die finanzielle Risiken bergen, wenn Firmen nicht reagieren. Wie wichtig Lieferkettenrisikomanagement ist, zeigen die Wachstumsprognosen für diesen Bereich: Der Markt, derzeit auf rund 3 Milliarden US-Dollar geschätzt, soll sich bis 2031 auf nahezu 7 Milliarden US-Dollar mehr als verdoppeln.
Dieses dynamische Feld umfasst eine Vielzahl von Strategien und Technologien, doch eine Maßnahme bildet das zentrale Element eines effektiven SCRM: das Mapping der Lieferkette. Wie es ein Fachbeitrag aus 2022 im International Journal of Production Economics beschreibt: „Das Mapping der Lieferkette ist der erste Meilenstein für ein wirksames strategisches Lieferkettenmanagement.“ Anders gesagt: Lieferketten-Mapping bildet die Grundlage für das Risikomanagement bei Lieferanten und Herstellern; viele der bewährtesten SCRM-Strategien hängen von präzisen, umfassenden Lieferkettenkarten ab.
Was ist Lieferketten-Mapping?
Der Begriff ist klar, die Umsetzung hingegen höchst anspruchsvoll: Lieferketten-Mapping heißt, komplexe Zusammenhangsstrukturen sichtbar zu machen.
Lieferkettenkarten sind umfassende Visualisierungen, die die direkten Lieferanten eines Unternehmens, Subtier-Anbieter, Fertigungsstandorte sowie die Produkte, Subbaugruppen und Bauteile dieser Unternehmen abbilden. In manchen Fällen fließen auch weitere relevante Informationen ein – etwa Rohstoffe, Distributionszentren und der Warenfluss durch das logistische Netzwerk eines Unternehmens.
Für eine technische Definition verweisen wir auf die erwähnte Studie von 2022. Die Autoren beschreiben eine Lieferkettenkarte als eine „diagrammatische Darstellung, die ein ‚Abbild und ein vereinfachtes Modell‘ der Lieferkette bietet – sowohl als Visualisierung als auch mit Informationen zu Schlüsselfaktoren.“ Diese Karten, so heißt es weiter, „sollten angemessene und genaue Informationen in einer Weise liefern, die leicht verständlich und zugleich ausreichend informativ ist, um Transparenz in der Lieferkette, Analysen und Integration zu unterstützen.“
Wie können Unternehmen Lieferketten-Mapping umsetzen?
Trotz der eindeutigen Vorteile, die Lieferkettenkarten für Organisationen bieten, haben die meisten Hersteller immer noch keine umfassende Transparenz in ihren Lieferantennetzwerken. Laut einer Deloitte-Umfrage aus 2022 verfügen nur 13 % der Unternehmen über ein vollständig abgebildetes Lieferantennetzwerk; mehr als 70 % haben jenseits von Tier-2-Lieferanten nur eingeschränkte oder gar keine Transparenz. Diese fragmentierte Herangehensweise ist vor allem einer Tatsache geschuldet: Das Mapping von Lieferantennetzwerken ist äußerst arbeitsintensiv. Präzise Lieferkettenkarten erfordern, dass Einkaufsverantwortliche Daten aus unterschiedlichsten Quellen zusammenführen, oft schwer verständliche technische Dokumentationen auswerten und aktiv mit ihren Lieferanten kommunizieren – auch wenn diese Informationen nur zögerlich preisgegeben werden.
Diese fragmentierte Herangehensweise beim Mapping von Lieferantennetzwerken branchenübergreifend ist vor allem einer Tatsache geschuldet: Das Mapping ist eine arbeitsintensive Herausforderung.
Glücklicherweise müssen Hersteller dieses große, komplexe Projekt nicht alleine stemmen. Es gibt etablierte Methoden, um Lieferantennetzwerke gezielt zu erfassen. Das Center for Industrial Research and Service (CIRAS) der Iowa State University hat dafür einen bewährten Leitfaden entwickelt, der in der Industrie breite Anwendung findet. Das CIRAS-Modell besteht aus fünf Schritten:
Datenerhebung
Dies ist die Basis für ein wirksames Lieferketten-Mapping. Unternehmen müssen Daten zu Lieferanten, Teilen und Standorten sowie weiteren kritischen Variablen erfassen.
Identifizierung von Subtier-Lieferanten
Die meisten modernen Unternehmen arbeiten mit mehrstufigen Lieferketten. Für ein aussagekräftiges Mapping müssen Unternehmen ihre Lieferanten der zweiten, dritten und ggf. weiteren Stufen identifizieren.
Abbildung von Transportwegen
Statt Hersteller und deren Produkte zu lokalisieren, gilt es hier, die geografischen Wege von Materialien, Bauteilen und Waren auf dem Weg zu den eigenen Werken und Lagern zu verfolgen.
Entwicklung von Risiko-Scores für Lieferanten
Um ein umfassendes Bild des Lieferkettenrisikos zu zeichnen, sollten Unternehmen verschiedene Risikofaktoren einzelner Lieferanten bewerten – etwa Bonität, Standort oder laufende Gerichtsverfahren. Diese Faktoren lassen sich zu einem gewichteten Risiko-Score konsolidieren, der die Bedrohung durch einen Hersteller abbildet.
Analysieren und Handeln
Letztlich reicht es nicht, Daten nur zu erheben und darzustellen. Unternehmen müssen ihre Netzwerke und identifizierten Schwachstellen systematisch analysieren und konkrete Strategien zur Risikovermeidung oder -reduzierung umsetzen.
Risikomanagement-Maßnahmen auf Basis von Lieferketten-Mapping
Lieferkettenkarten sind keine statischen Ressourcen, sondern sollen Teams nicht nur die Visualisierung der eigenen Lieferanten- und Warenströme ermöglichen. Vielmehr sind sie als dynamisches Werkzeug zu verstehen, mit dem proaktive Unternehmen zentrale Maßnahmen im Lieferkettenrisikomanagement vorantreiben.
Derisking
In einer Zeit, in der eine starke Abhängigkeit von chinesischer Fertigung zunehmend als Risiko gesehen wird, prüfen immer mehr Unternehmen, wie sie Lieferketten gezielt auf andere Länder diversifizieren können. Um entsprechende Maßnahmen umzusetzen, müssen Unternehmen jedoch wissen, welche Teile und Baugruppen tatsächlich aus China stammen. Doch weil aktuelle Hersteller mit direkten Tier-1-Lieferanten und weit verzweigten, oft undurchsichtigen Subtier-Netzwerken arbeiten, ist das selten einfach.
Lieferkettenkarten sind hier ein entscheidendes Werkzeug: Sie zeigen, welche Rohstoffe und Komponenten von in China ansässigen Herstellern stammen. Unternehmen erhalten damit die Möglichkeit, bestimmte Subtier-Lieferanten auszutauschen oder Nearshoring- bzw. Onshoring-Lösungen für ausgewählte Bauteile zu analysieren. Das aktuell viel diskutierte „Derisking“ mit all seinen geopolitischen und strategischen Implikationen ist ohne aussagekräftige Lieferkettenkarten nicht umsetzbar.
Risikobewertung in Subtier-Stufen
Ob instabile Finanzen, Produktionsausfälle oder regulatorische Verstöße – viele Risiken verbergen sich in tieferen Stufen der Lieferkette fernab direkter Lieferanten. Studien zufolge treten mehr als die Hälfte aller Störungen innerhalb der Subtier-Ebenen auf. Um diese Schwachstellen zu identifizieren und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, müssen Unternehmen allerdings zunächst wissen, wer ihre Subtier-Lieferanten sind. Lieferkettenkarten liefern diese Informationen in einer leicht verständlichen Darstellung und geben so die notwendigen Daten an die Hand, um risikobehaftete Subtier-Hersteller zu erkennen und die Beschaffung gezielt umzustrukturieren.
Bedarf nach alternativer Beschaffung erkennen
„Dual Sourcing“ ist ein Begriff, der angesichts wachsender Investitionen in Resilienz und unterbrechungsfreie Lieferketten immer stärker an Bedeutung gewinnt. Dual Sourcing – auch als Multi-Sourcing oder Alternative Sourcing bekannt – ist nicht für jede Komponente zwingend erforderlich, kann aber unter bestimmten Umständen unverzichtbar sein.
Beispielsweise sind Hersteller in Regionen mit häufigen extremen Wetterlagen besonders davon bedroht, dass Fabrikausfälle zu Lieferengpässen führen und Prozesse stören. Unternehmen, die für solche Lieferanten Alternativbauteile absichern, stärken ihr SCRM und erhöhen langfristig ihre Resilienz. Ebenso gehen Firmen, die Lieferanten mit Einzelstandort-Abhängigkeit nutzen, ein signifikantes Risiko ein; gezieltes Dual Sourcing bei diesen Partnern kann als Rettungspuffer dienen.
Um zu erkennen, wo der größte Bedarf alternative Beschaffung besteht, müssen Unternehmen auf die Daten und Visualisierungen aus ihren Lieferkettenkarten zugreifen. So können Einkaufsteams gezielt entscheiden, wo sie Zeit und Ressourcen investieren, um belastbare Alternativen aufzubauen.
Zusammenarbeit und Transparenz stärken
Angesichts des enormen Umfangs heutiger Lieferkettensysteme neigen Unternehmen dazu, einzelne Lieferantenbeziehungen zu unterschätzen. Doch tragfähige Partnerschaften mit Lieferanten stellen eine wertvolle SCRM-Maßnahme dar. Enge Zusammenarbeit schafft Transparenz und mehr Verantwortungsbewusstsein, was Lieferanten dazu motiviert, Daten, Risiken und Entwicklungen offen mit ihren Kunden zu teilen. Über die Zeit hinaus entstehen so auch kollaborative Arbeitsmodelle, etwa in der Zusammenarbeit bei Compliance-Themen.
Lesetipp: Best Practices für die Lieferantenbewertung zur Zukunftssicherung Ihrer Lieferkette
Lieferketten-Mapping hilft Unternehmen, solche Partnerschaften zu stärken, indem es die notwendige Transparenz schafft, um alle Akteure und ihre Rollen im Netzwerk nachvollziehen zu können. Wer weiß, mit welchen Herstellern man konkret zusammenarbeitet, kann diese gezielt ansprechen und nach und nach partnerschaftliche Beziehungen aufbauen. Das Ergebnis ist eine Kommunikations- und Transparenzkultur über alle Stakeholder hinweg – ein Umfeld, in dem Unternehmen und Hersteller miteinander Informationen teilen, Risiken offenlegen und mit Integrität agieren.
Beschleunigen Sie Ihr Lieferketten-Mapping mit SCRM-Software
Selbst mit anerkannten Leitfäden wie dem CIRAS-Modell der Iowa State University stehen Unternehmen vor einer hohen Hürde: Um eine Lieferkette wirksam abzubilden, müssen interne Datenbestände ausgewertet, Informationen recherchiert und direkte Lieferanten teils wiederholt kontaktiert werden, um Fertigungsdaten zu beschaffen. Trotz Beharrlichkeit und Innovationsgeist bleibt speziell die Informationsgewinnung unterhalb der Tier-1-Lieferanten meist eine große, oftmals unüberwindbare Herausforderung. Und das ist kein Randproblem: Mehr als die Hälfte aller Lieferkettenstörungen tauchen in den Subtier-Ebenen auf. Gerade dort gibt es zudem hohe Risiken – etwa bei Arbeitspraktiken oder regulatorischer Compliance.
Unternehmen, die ein robustes Fundament für ihr Lieferkettenrisikomanagement aufbauen möchten, gewinnen mit digitalem SCRM-Tooling wie Z2Data einen entscheidenden Vorteil. Die marktführende Plattform von Z2Data unterstützt Unternehmen mit Funktionen wie Part-to-Site-Mapping, fortschrittlicher Sub-Tier Intelligence und tiefgehenden Daten zu Fertigungsstandorten beim Aufbau mehrdimensionaler Lieferkettenkarten. Die „Old-School“-Methode der Datensammlung ist ein guter erster Schritt zur Netzwerk-Abbildung, reicht aber meist nicht aus, um die notwendige Tiefe und Wettbewerbsfähigkeit für echtes Risikomanagement zu erreichen.
Mehr über Z2Data und die breite Funktionalität, die Ihre Lieferkettenkarten nachhaltig stärkt, erfahren Sie in einer kostenlosen Demo mit unseren Produktexperten.