Obwohl COVID-19 nicht die erste Herausforderung für globale Lieferketten war, hat es eine anhaltende (und zunehmende) Welle von Störungen ausgelöst, die die Kontinuität der Lieferkette weiter bedrohen. Plötzliche Arbeitskräftemangel, niedrige Lagerbestände, Nachfrageschwankungen, wachsende Engpässe sowie die medienwirksamen Krisen an den Containerhäfen haben für Hersteller, Reedereien und Einkaufsverantwortliche ein ebenso turbulentes wie risikoreiches Umfeld geschaffen.
Viele der logistischen Komplexitäten, die 2021 und 2022 die Lieferketten bewegten, haben sich zwar allmählich entschärft, doch nun tritt für Einkaufsverantwortliche eine neue Welle von Herausforderungen auf—eine Gruppe, die sich sicherlich mehr Ruhe und Planbarkeit für ihre Lieferketten gewünscht hätte. Auch wenn das neue Jahr nicht denselben existenziellen Bedrohungen wie durch COVID-19 begegnet, steht dennoch eine Vielzahl geopolitischer, ökologischer und regulatorischer Hürden bevor, für die Supply-Chain-Profis ausreichend vorbereitet sein müssen.

1. Piraten im Roten Meer
Der brutale und höchst polarisierende Konflikt im Gazastreifen zwischen Israel und Hamas wirkt sich in vielfältiger, komplexer Weise weltweit aus. Das Massaker vom 7. Oktober und die anschließende Militärkampagne führten zu zahlreichen grenzüberschreitenden Angriffen in der Region; die US-Regierung unter Präsident Biden sieht sich mit zunehmenden Vorwürfen der Komplizenschaft am wachsenden palästinensischen Leid konfrontiert; und sogar die südafrikanische Regierung brachte vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag Anklage wegen Völkermordes gegen Israel ein. Doch nur wenige dieser Folgewirkungen waren so unvorhersehbar und völlig einzigartig wie das plötzliche, gewaltsame Auftreten der Huthi-Rebellen auf der Weltbühne.
Die Huthis, eine religiöse Bewegung, deren bewaffneter Aufstand 2014 die jemenitische Regierung stürzte und einen langwierigen Bürgerkrieg auslöste, begannen im November, Frachtschiffe durch das Rote Meer und den Suezkanal anzugreifen. Sie setzen Drohnen, Luftschläge und Schnellboote ein, um Schiffe zu beschießen, zu überfallen und zu kapern – laut eigener Darstellung als Vergeltung gegen Israel und dessen Unterstützer im Zusammenhang mit dem Krieg in Gaza. Die Huthis führen diese Angriffe seit Anfang Dezember nahezu täglich durch, wobei die Auswirkungen weit über die etwa zwei Dutzend Schiffe hinausreichen, die bislang Opfer der Piraterie wurden.
Das Rote Meer ist ein zentrales maritimes Tor zur westlichen Hemisphäre – etwa ein Viertel aller weltweiten Containerschiffe nutzt den Suezkanal, meist auf der Route von Asien nach Europa. Damit ist die enge, 120 Meilen lange Passage ein entscheidender Engpass des Welthandels. Die Huthis und ihre Unterstützer – insbesondere Iran und Hisbollah – nutzen ihn gezielt, um den Warenfluss zu sabotieren und westliche Interessen sowie die bedingungslose Unterstützung für Israel zu treffen. Bisher ist diese unkonventionelle „asymmetrische“ Kriegsführung erfolgreich: Ende Januar lag das Aufkommen durchfahrender Containerschiffe im Roten Meer um 75 Prozent niedriger, während die meisten großen Reedereien – darunter Maersk, CMA-CGM und Evergreen – den Transport auf dieser zunehmend gefährlichen Route eingestellt haben.
Solch tiefgreifende, anhaltende Unterbrechungen stellen erhebliche Herausforderungen für Einkaufsverantwortliche dar, deren Lieferketten auf die Passage durch den Suezkanal ausgerichtet sind. Aktuell umfahren die meisten Reedereien den Süden Afrikas über das Kap der Guten Hoffnung. Diese Route verlängert die Reisezeit eines Containerschiffs um etwa zwei Wochen, wodurch sich Kosten für Treibstoff und Versicherungen spürbar erhöhen. Einkaufsverantwortliche müssen in diesem instabilen Lieferkettenumfeld Notfallpläne erarbeiten und Flexibilität beweisen, um mit höheren Kosten, längeren Transportzeiten und gesteigerten logistischen Unsicherheiten umzugehen. Im Raum steht auch die Entscheidung, ob und in welchem Umfang diese Zusatzkosten an die Kunden weitergegeben werden – nach zwei Jahren ohnehin anhaltender, umfassender Inflation.
2. Historische Dürre im Panamakanal
Auch wenn der Panamakanal nicht annähernd so wichtig für den globalen Warenfluss ist wie das Rote Meer, zählt er doch zu den wichtigsten Engpässen in der Lieferkette. Etwa 2,5 Prozent aller weltweiten Seefrachten passieren den mittelamerikanischen Kanal, der 2023 rund 14.000 Durchfahrten zählte. Im Gegensatz zu den undurchsichtigen Konflikten im Roten Meer ist das Problem im Panamakanal jedoch deutlich klarer: Der Wasserweg ist auf Süßwasser aus dem nahegelegenen Gatun-See angewiesen, jedoch hat eine extreme Dürre dessen Pegel auf ein Rekordtief gesenkt. Aus diesem Grund sieht sich die Panama Canal Authority (ACP) gezwungen, die täglichen Durchfahrten im Vergleich zu 2023 um rund 40 Prozent zu reduzieren. Die Entscheidung, die die ACP schätzungsweise 100 Millionen US-Dollar pro Monat an Mautgebühren kostet, führt dazu, dass große Reedereien Container umleiten und verstärkt Schienentransport integrieren.
Wie schon am Roten Meer zwingt die eingeschränkte Verfügbarkeit des Panamakanals Einkaufsverantwortliche dazu, teurere Routen zu akzeptieren oder ihre Lieferketten komplett neu zu bewerten. Rund 14 Prozent aller maritimen Warenströme von und in die USA passieren den künstlichen Kanal, weshalb die Auswirkungen dort besonders spürbar sind. Für zentrale Akteure ist das Zeitfenster, um entscheidende Anpassungen vorzunehmen, jetzt – und es schließt sich schnell. Sie müssen alternative Routen in Betracht ziehen, Einkaufsstrategien anpassen und Prognosen erstellen, wann die Kanal-Kapazität wieder auf dem bisherigen Stand sein wird.
3. Verschärfung beim Umgang mit Zwangsarbeit
Das Jahr 2023 markierte einen Meilenstein für neue Vorschriften zum Schutz der Menschenrechte in der Lieferkette. Deutschland setzte die erste Stufe des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes (SCDDA) in Kraft, während die EU wesentliche Fortschritte an der Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) erzielte. Auch dieses Jahr setzt sich der Trend fort, dass Regierungen den regulatorischen Druck erhöhen, um Zwangsarbeit und andere Menschenrechtsverletzungen in Lieferketten zu bekämpfen.
Die erste Stufe des deutschen SCDDA, welche im Januar 2023 anlief, verpflichtete alle Unternehmen mit Sitz in Deutschland und mindestens 3.000 Beschäftigten zur Einhaltung der neuen Vorgaben. Seit dem 1. Januar dieses Jahres gilt die Richtlinie bereits ab 1.000 Mitarbeitenden – was die Anzahl der betroffenen Unternehmen um rund 500 Prozent erhöht. (Weitere Details zum SCDDA erläuterten wir bereits im Dezember.) Das Gesetz verlangt von Unternehmen unter anderem die Einhaltung von 11 internationalen Menschenrechtskonventionen durch die Umsetzung von acht spezifischen Anforderungen – darunter der Aufbau eines Risikomanagementsystems und die Benennung eines Menschenrechtsbeauftragten im Unternehmen.
Zusätzlich zur zweiten SCDDA-Stufe tritt dieses Jahr auch in Kanada eine neue Gesetzgebung gegen ausbeuterische Arbeitspraktiken in Kraft. Das Forced and Child Labour in Supply Chains Act verpflichtet betroffene Organisationen, jährlich einen Bericht beim Ministerium für öffentliche Sicherheit über Maßnahmen zur Verhinderung von Zwangs- und Kinderarbeit zu erstellen. Laut kanadischer Regierung gelten die Vorgaben für jede Gesellschaft, Stiftung, Partnerschaft oder sonstige Organisation, die Güter in Kanada oder anderswo produziert, verkauft, vertreibt, importiert oder als Kontrollinstanz einer solchen Einheit fungiert. Weitere Kriterien betreffen Schwellenwerte bei Vermögen, Umsätzen und Anzahl der Beschäftigten.
Organisationen, die dem Forced and Child Labour in Supply Chains Act unterliegen, müssen in ihren Jahresberichten spezifische Inhalte adressieren: etwa Due-Diligence-Prozesse, Maßnahmen zur Risikobewertung bezüglich Zwangs- und Kinderarbeit in der Lieferkette sowie konkrete Umsetzungsmaßnahmen. Die ersten Berichte sind bis zum 31. Mai 2024 einzureichen.
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Einkaufsverantwortliche in den USA, die Geschäfte in Kanada betreiben, müssen Kenntnis von den neuen Berichtspflichten haben und entsprechende interne Richtlinien und Due-Diligence-Maßnahmen einhalten. Die Erfüllung dieser Anforderungen macht eine tiefere Transparenz und bessere Sichtbarkeit der eigenen Lieferkette nötig, einschließlich der Fähigkeit, Hinweise auf Zwangs- und Kinderarbeit frühzeitig zu erkennen. Falls es zu Enthüllungen über Ausbeutung kommt, müssen Unternehmen Maßnahmen zur Abhilfe realisieren – etwa Anpassungen in den Lieferantennetzwerken oder Nutzung von Dual Sourcing – um Arbeitsmissbrauch aus ihren Beschaffungsprozessen zu eliminieren.
4. ESG in der EU
ESG ist ein Rahmenwerk zur Analyse und Bewertung der Unternehmensleistung auf Basis von drei zentralen Pfeilern: Umwelt, Soziales und Governance. Der Umweltaspekt umfasst die Bemühungen, Umweltauswirkungen zu verringern – wie CO₂-Reduktion, Klimastrategien und zirkuläre Abfallprozesse. Der soziale Bereich fokussiert auf den menschenwürdigen Umgang, etwa faire Bezahlung, Chancengleichheit und eine verantwortungsvolle, ausbeutungsfreie Lieferkette. Governance schließlich umfasst, wie sich das Unternehmen nach außen und innen an Gesetze und Selbstverpflichtung hält – einschließlich Compliance, Best Practices und Mechanismen zur Vermeidung von Interessenkonflikten.
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Das ESG-Konzept und die damit verbundenen Ideale haben in den letzten fünf Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Investoren, Regierungen und die Öffentlichkeit beurteilen zunehmend, ob Organisationen tatsächlich Verantwortung übernehmen und seriöse Schritte in Richtung nachhaltigere, ethische Geschäftsmodelle gehen, die nicht allein auf Gewinnmaximierung abzielen. Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) der EU, die im Januar 2023 in Kraft trat, kodifiziert diese neuen Standards in rechtlich bindende Vorgaben, die Unternehmen zu bislang unerreichter Transparenz in puncto ESG verpflichten.
Die EU setzt bei der Umsetzung der CSRD auf ein stufenweises Rollout. Ab diesem Jahr müssen Unternehmen ab 500 Beschäftigten, die in einem EU-Markt aktiv sind, die Vorgaben erfüllen. Die CSRD umfasst umfangreiche Offenlegungs- und Berichtspflichten rund um ESG und ihre Säulen. Diese Anforderungen sind im European Sustainability Reporting Standard (ESRS) verankert und gliedern sich in zwölf ESG-Kategorien, darunter – aber nicht ausschließlich – Klimawandel, Verschmutzung, Biodiversität und Arbeitsbedingungen entlang der Wertschöpfungskette. Sämtliche Offenlegungen müssen öffentlich, meist über die Unternehmenswebsite, zugänglich sein; die Richtigkeit ist durch externe Audits zu belegen.
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Ein letzter Hinweis zur CSRD und ihren Anforderungen: Betroffene Unternehmen müssen Informationen bereitstellen, die das Konzept der „doppelten Materialität“ abdecken. Das bedeutet, Berichte sollen sowohl die Auswirkungen des Unternehmens auf Menschen und Umwelt („Impact Materiality“/„Inside-Out“-Perspektive) als auch die Auswirkungen der eigenen Nachhaltigkeitsziele auf die eigene Finanzlage („Financial Materiality“/„Outside-In“-Perspektive) berücksichtigen.
Disruptionen und Direktiven für Einkaufsverantwortliche 2024
Einkaufsverantwortliche stehen 2024 vor zwei zentralen Herausforderungen für Beschaffung und Sourcing: Erstens sorgen massive Störungen für Druck entlang internationaler Handelsrouten und erschweren die Logistik weltweit. Die Folgen sind für die globale Lieferkette nicht bloße Möglichkeiten, sondern bereits konkrete Realität, mit spürbaren Negativauswirkungen auf Kosten und Durchlaufzeiten für die Branche. Wie bei den meisten abrupten Ereignissen ist die Hoffnung, dass solche Krisen sich mit der Zeit wieder auflösen und die Stabilität der beiden maritimen Korridore als Grundpfeiler des Seehandels zurückkehrt.
Zweitens sind die neuen regulatorischen Entwicklungen in Europa und Nordamerika von anderer Natur: Anders als plötzlich eintretende Lieferkettenstörungen sind Compliance-Direktiven absehbar, entwickeln sich kontinuierlich und geben Unternehmen sowie Einkaufsverantwortlichen Zeit, ihre Prozesse anzupassen. Sobald Vorschriften zu Arbeit und ESG greifen, handelt es sich jedoch nicht um vorübergehende Unterbrechungen, sondern um dauerhafte Veränderungen in Dynamik und Verantwortung von Supply-Chain-Profis. Sie zwingen Unternehmen, Transparenz, Sichtbarkeit und Sorgfalt viel grundlegender in die Lieferkette zu integrieren als jemals zuvor.
Das Ziel – oder zumindest die Vision der Regulierungsbehörden – ist, dass Unternehmen und Einkäufer sich ethischer mit dem dichten Netzwerk aus Menschen und natürlichen Ressourcen auseinandersetzen, das von ihrer Arbeit direkt betroffen ist.