Im Fokus:
- Bedeutung von „geopolitisch“ verstehen
- Bewertung von geopolitischen Risiken und Ereignistypen
- Potenzielle Auswirkungen geopolitischer Ereignisse auf elektronische Lieferketten
- Nützliche Risikoanalysen für geopolitische Ereignisse
Aufschlüsselung von „Geo“ und „Politisch“
Um ein Konzept besser zu verstehen, hilft es, es in seine wesentlichen Bestandteile zu zerlegen. Geo ist eine Abkürzung für geografisch, was bedeutet: „Auf der Grundlage der physischen Merkmale eines Gebiets basierend oder daraus abgeleitet.“ Geografisch ist das Adjektiv zu Geografie, das auf die griechischen Wörter „ge“ und „graphia“ (Erde und Schreiben) zurückgeht.
Politisch bedeutet „in Bezug auf Regierung oder öffentliche Angelegenheiten eines Landes“. Das Wort stammt von den griechischen Begriffen „polites“ und „polis“, was „Bürger“ und „Stadt“ bedeutet.
Kombiniert man diese Definitionen, ergibt sich: „Die Regierung oder die öffentlichen Angelegenheiten eines Landes, basierend auf bzw. abgeleitet von den physischen Gegebenheiten eines Gebiets.“
Was sind geopolitische Risiken und Ereignisse?
Man erkennt, dass bei einem geopolitischen Ereignis viele Einflussfaktoren zusammenkommen – es gibt eine dynamische Beziehung zwischen Regierung, Bürgern und dem Land, in dem sie leben. Stellen Sie sich drei sich überschneidende Kreise vor: Regierung, Bürger und Land:

Ein geopolitisches Risiko entsteht, wenn ein Ereignis alle drei Bereiche beeinflusst. Kroll, ein Unternehmen für Business Intelligence, liefert eine treffende Definition:
„Geopolitische Ereignisse entstehen im Allgemeinen an der Schnittstelle von geografischen Faktoren (Zugang zu natürlichen Ressourcen, Nähe zu Ländern in Unruhe, etc.), politischen Entscheidungen (Beschränkung ausländischer Direktinvestitionen, Toleranz gegenüber korrupten Eliten, etc.) und lokalen kulturellen Bedingungen (regionale Wahrnehmung ausländischer Unternehmen, Unsicherheit vor Wahlen oder einem Regimewechsel, etc.).“
Wie wirken sich geopolitische Risiken auf elektronische Lieferketten aus?
Geopolitische Lieferkettenrisiken sind typischerweise disruptive, globale politische Ereignisse, die Gebiete betreffen, in denen sich Lieferanten eines Unternehmens befinden. Ein Beispiel für ein geopolitisches Ereignis ist ein Länder-Konflikt wie die US-amerikanischen und chinesischen Zölle.
Die US-Regierung hat sich entschieden, den Handel mit China zu begrenzen, um die eigene Fertigung zu stärken. Diese Zölle haben die Preise zahlreicher Komponenten in der Elektronikindustrie erhöht, sodass viele Unternehmen inzwischen alternative Lieferantenstandorte außerhalb Chinas suchen, um Kosten zu senken.
Ein weiteres Beispiel für ein geopolitisches Ereignis im Bereich Länder-Konflikt ist das von Großbritannien gegen China verhängte regulatorische Verbot. Dieses Verbot ist Folge erhöhter Wachsamkeit Großbritanniens gegenüber China, um auf die „ethischen, rechtlichen und kommerziellen Risiken hinzuweisen, mit denen britische Digital- und Technologieunternehmen beim Eintritt in den chinesischen Markt rechnen müssen“ (Quelle: Z2Data).
Auch wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit solcher Ereignisse gering ist, ist die Absicht Großbritanniens klar: Die öffentliche Meinung der Verbraucher über China zu beeinflussen. Wird die Stimmung gegenüber China negativer, sind Unternehmen gezwungen, Komponenten aus anderen Ländern zu beziehen.
Brexit ist ein weiteres Beispiel eines geopolitischen Ereignisses. Mit dem Brexit tritt das Vereinigte Königreich aus der EU aus – mit Auswirkungen auf die britische Wirtschaft und die Handelsbeziehungen mit der Europäischen Union. Viele Ökonomen erwarten, dass dieser Schritt die britische Wirtschaft langfristig schwächen und das Einkommen pro Kopf verringern wird.
Britische Unternehmen mit Schwerpunkt auf Großserienfertigung bauen nach dem Brexit verstärkt Lagerbestände auf. Andere verlegen ihre Firmenzentralen in Länder, die von der Brexit-Unsicherheit nicht betroffen sind, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
Ob durch Handel, Konflikte zwischen Ländern oder politische Veränderungen – geopolitische Risiken beeinflussen Lieferketten auf vielfältige Weise. Der Schlüssel zum Management geopolitischer Risiken ist Transparenz. Unternehmen, die klare Transparenz über ihre Lieferkette haben, können schnell reagieren und die Versorgungssicherheit gewährleisten.
Wichtige Faktoren einer geopolitischen Risikoanalyse:
Idealerweise erkennt und vermeidet man geopolitische Risiken frühzeitig. Es gibt zahlreiche Aspekte bei der geopolitischen Risikoanalyse – nachfolgend die wichtigsten.
Schritt 1: Das „Geo“ identifizieren
Fragen Sie, wo sich Ihre wichtigsten Lieferanten befinden. China? Singapur? Indonesien? Sobald Sie das „Geo“ bestimmt haben, können Sie einschätzen, wie der Standort Ihres Lieferanten Ihre Lieferkette potenziell beeinflusst.
Ist die Region anfällig für Naturkatastrophen? Besteht politische Unsicherheit? Wie ist die Beziehung der lokalen Bürger zu ihrem Gebiet? Wie nehmen die Menschen vor Ort ausländische Anbieter wahr?
Das kulturelle Klima eines Landes ist oft ein entscheidender Faktor beim geopolitischen Risiko.
Von Streiks und Protesten bis hin zur organisierten Kriminalität: Die Bevölkerung einer Region kann erheblichen Einfluss auf Ihre Lieferkette nehmen. Beim Identifizieren Ihrer Schlüssellieferanten sollten Sie die lokale Bevölkerungsstruktur berücksichtigen.
Schritt 2: Das „Politische“ bewerten
Befindet sich Ihr Lieferant in einem Gebiet mit anstehenden Wahlen oder Regimewechsel? Dann besteht ein erhöhtes Risiko für politische Unsicherheit. Ein neues Regime bedeutet oft auch neue Regularien, die Handel und unternehmerische Tätigkeit beeinflussen können.
Im Hinblick auf geschäftliche Aktivitäten ist es wesentlich, mögliche diskriminierende Regierungsmaßnahmen zu identifizieren, die Geschäftsprozesse einschränken könnten. Nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 in der Türkei z.B. ließ das türkische Regime zahlreiche mit dem Putschversuch assoziierte Firmen enteignen. Unternehmen mit Geschäftskontakten in die Türkei mussten daher sicherstellen, dass auch ihre Partnerschaften nicht gefährdet sind.
Neben der innenpolitischen Lage sind auch folgende Faktoren genau zu analysieren:
- Beziehungen eines Landes zu anderen Staaten
- Korruptionsniveau in öffentlichen, privaten und juristischen Sektoren
- Wirtschaftliche Stabilität des Landes
- Sicherheitsrisiken, insbesondere im Hinblick auf den Lieferanten im entsprechenden Land
- Umgang des Landes mit Menschenrechten und benachteiligten Bevölkerungsgruppen
- Die Zusammenarbeit mit einem Lieferanten in einem Land mit aktiven Menschenrechtsverletzungen kann Ihrem Unternehmen nachhaltig schaden